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Das Rauhe Haus gilt als „Brunnenstube der Inneren Mission“ und ist die Wiedergeburtsstätte des Diakonenamtes in den Kirchen der Reformation nach über tausendjährigem Dornröschenschlaf während der Kirchengeschichte.
Johann HinrichWichern, geboren am 21. April 1808, hatte angesichts des Kinderelends seiner Zeit das dasRauhe Haus 1833 als junger Kandidat der Theologie mit Hilfe einflussreicher Hamburger Bürger in dem Dorf Horn vor den Toren Hamburgs aus kleinsten Anfängen als „Rettungshaus“ für gefährdete Kinder und Jugendliche gegründet und aufgebaut. Für seine immer umfangreiher werdende pädagogische Arbeit benötigte er schon bald Gehilfen. Aus dem Kreis dieser Gehilfen entwickelte sich später der Beruf des Diakons.
Das Familienprinzip, in dem Wichern seine Schützlinge betreute und erzog, erforderte eine größere Anzahl von Gehilfen. Im Sommer 1834 zog ein Bäckergeselle, namens Josef Baumgärtner, zu Fuß von Basel nach Hamburg, um Wichern als erster Gehilfe für ein mageres Taschengeld von 100 Mark im Jahr bei freier Kost und Logis als Betreuer einer „Knabenfamilie“ zur Hand zu gehen.Nach drei Jahren übernimmt Baumgärtner ein eigenes neu gegründetes Rettungshaus in Mitau im Kurland.1839 ermächtigte der Verwaltungsrat Wichern, der Ausbildung von Gehilfen im Rauhen Haus "die gröstmögliche Veröffentlichung zu geben". Wichern ließ deshalb von 1843 an über die Gehilfen, schon damals Brüder genannt, eigene Jahresberichte erscheinen. Auf ihre theologische Ausbildung in seinem "Gehilfeninstitut" verwandte er große Sorgfalt. Aus seinen „Gehilfen“, die Wichern aus ganz Deutschland rief und die ihn bei seiner Erziehungsarbeit im Rauhen Haus unterstützten und von den Jungen der Erziehungsfamilien „Brüder“ genannt wurden, baute er den hauptberuflichen Mitarbeiterstab der Inneren Mission auf, die „Berufsarbeiter“, die als Hausväter in „Rettungshäusern“, als Strafvollzugsbetreuer oder als Stadtmissionare in ganz Deutschland und im Ausland bis hin nach Übersee tätig wurden.
Wichern: „Treue, gottesfürchtige Männer, so ernst als wahr, so klug als weise, in der Schrift bewandert, im Glauben gegründet, voll Liebe zum armen Volke, geschickt zu solch einem Umgang, der Menschen fürs Himmelreich gewinnt, wünschen wir in Scharen unter das Volk.“
Erst Jahrzehnte später nannte man diese „Gehilfen“ entgegen Wicherns ursprünglichen Vorstellungen Diakone. Bis in die 1970er Jahre sprach man von der männlichen Diakonie. Daneben gab es den Beruf der Diakonisse. Danach wurden Ausbildung und Beruf im Rahmen der allgemein sich durchsetzenden Emanzipation auch für Frauen geöffnet. Aus der Brüderschaft wurde die Brüder- und Schwesternschaft des Rauhen Hauses. Heute bildet die Fachhochschule des Rauhen Hauses in Hamburg Frauen und Männer zu Diplom-Sozialpädagog(inn)en und Diakon(inn)en aus.
DiakonKarlheinz Franke * 6.04.1930,
ins Rauhe Haus eingetreten am 9.04.1954,
Wohlfahrtspflegerexamen am 8. März 1958,
Diakonenexamen am 2. März 1959, eingesegnet am 4.10.1961,
berichtet auf über 60 Seiten über sein Leben: Autobiographie
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hier einige Auszüge:
Kindheit
Am 6.4.1930 wurde ich in Frankfurt an der Oder in der Kleinen Müllroser Straße geboren.Wie meine Mutter immer wieder betonte, war ich ein Sonntagskind, sollte also besonders viel Glück im Leben zu erwarten haben.
Küstrin
Mein Vater war der Tischler Karl Franke aus Hohenwalde bei Frankfurt/Oder.Meine Mutter stammte aus Gnesen in der preußischen Provinz Posen.Sie wurde im August 1925 von der neuen polnischen Regierung aus Polen ausgewiesen, weil sie deutsche Staatsbürgerin bleiben wollte.Nach der Heirat gab meine Mutter 1929 in der bitter armen Inflationszeit das zusammen mit zwei Geschwistern gegründete Lebensmittelgeschäft in Frankfurt/O und Müllrose wieder auf.1931 zogen meine Eltern nach Küstrin um, wo mein Vater eine Stelle als Kassierer bei der Teerfabrik Max Veith in der Landsberger Straße bekam.Dafür musste er eine Kaution bei der Firma hinterlegen, die verloren war, als diese Firma in Konkurs ging.Es blieb nur die Dienstwohnung im Keller des Bürohauses, in der wir noch einige Jahre wohnten.Ich war zwei Jahre alt, als mein Bruder Jürgen geboren wurde.Ich freute mich zwar darüber, hatte aber fortan immer die Pflicht, auf den „Quaden“ aufzupassen.Als er einmal gegen einen Briefkasten gelaufen war und mit blutender Kopfwunde nach Hause kam, war ich natürlich der Schuldige.Meine Mutter, gelernte Schneiderin, machte aus uns Anziehpuppen.Wir trugen meistens Matrosenanzug und weiße Kniestrümpfe.Meine erste Expedition führte in ein Loch in der Drehscheibe für die Waggons der Teerfabrik.Anschließend sah der Anzug entsprechend aus!Im Alter von drei Jahren wurde ich 1933 mit Keuchhusten und viel Ausschlag ziemlich krank.
Der Arzt schob dies auf das Sumpfklima von Küstrin am Zusammenfluss von Oder und Warthe.So wurde ich zur Schwester meiner Mutter, die keine Kinder hatte, nach Köslin in Hinterpommern geschickt.Ihr Mann war während des 1. Weltkieges Oberfeldwebel in Gnesen gewesen und nun Stadtoberinspektor bei der Kösliner Stadtverwaltung.Das Hobby meines Onkels war die Fotografie, damals noch mit Glasplattenkamera und Magnesiumbeutelblitzlicht.So wurde die gesamte Verwandtschaft mit Bildern versorgt.In der Stadt spielte er eine wichtige Rolle als Führer der Kriegerkameradschaft im Kyffhäuserbund.Wenn er samstags in vollem Ordenschmuck zum Appell ging, sagte Tante Trudchen stolz zu ihm: „Mann, du siehst heute wieder wie ein Pfingstochse aus.“Das zweite Hobby meines Onkels Fritz war das Angeln.Oft mussten erst die Fische in einen Eimer umquartiert werden, wenn ich abends in die Badewanne gesteckt wurde.
In den ersten Jahren fuhren wir mit den Rädern nach Nedlin an der Heika, wo das Wasser eines großen Stausees die Turbinen eines Kraftwerkes antrieb, oder an den Jamunder See, wo ein Nachbar ein Segelboot zu liegen hatte.Mir war angeln zu langweilig, weil man dabei nicht sprechen durfte.Außerdem war ich wegen der vielen Gräten kein Freund vom Fischessen.Ich ging lieber mit Tante Trudchen auf Pilzsuche.Die ersten Jahre hatte der Onkel für mich einen Kindersattel auf der Fahrradstange, später bekam ich ein eigenes Kinderrad.Da ich aber nicht vom Sattel bis zu den Pedalen reichte, wurde ein Kissen um die Stange gewickelt.Manchmal fuhren wir auch zum Baden nach Großmöllen an die Ostsee, mal mit dem Fahrrad, aber auch mit der Straßenbahn.Die hatte auf der Rückfahrt immer einen Anhänger mit Fischen angekoppelt.Später haben sich Onkel Fritz und Tante Trudchen ein Auto angeschafft, einen Opel-Kadett.Dadurch kam ich viel im Lande herum, mal nach Kolberg oder zum Teufelsstein auf dem Friedhof von Großtychow.Im Winter zogen wir mit dem Schlitten zum Gollenturm.Wir hatten einen großen Bekanntenkreis.So kam es auch manchmal vor, dass ich Onkel Fritz aus einer Gaststätte abholen musste, wenn er „überfällig“ war.Einmal kam er angesäuselt nach Hause und bekam seine Predigt.Da sagte ich dann zu Tante Trudchen: „Warum todderst du denn so viel mit ihm rum, er ist doch lustig?“Ich erinnere mich auch noch, dass meine Mutter zu Besuch kam und ich auf ihr Klingeln naseweis die Tür öffnete.Ich rief dann: „Tante Trudchen, komm mal, da steht eine fremde Frau vor der Tür“, worauf meine Mutter in Tränen ausbrach.
Wie alles im Leben einmal zu Ende geht, so auch meine drei schönen frühen Lebensjahre in Köslin.Als ich sechs Jahre alt wurde, da lautete der Beschluss meiner Eltern, dass ich zum Besuch der Schule wieder nach Küstrin zurückkehren sollte.Dafür erhielt ich das Versprechen, in jedem Jahr meine Sommerferien in Köslin verbringen zu dürfen.Als Abschiedsgeschenk bekam ich von Tante und Onkel noch einen schönen Tornister aus Vollrindleder, der meine acht Schuljahre durchhielt und später in den Nachkriegsjahren noch meiner Cousine Sieglinde gedient hat.So manchen Winter bin ich auf dem Heimweg aus der Schule auf ihm die Rodelbahn heruntergerutscht.Zu Beginn der Sommerferien wurde ich von meiner Mutter in Küstrin mit einem Schild „Ferienkind nach Köslin“ um den Hals in den Zug gesetzt.Der Schaffner sorgte dann in Stettin dafür, dass ich in den richtigen Zug nach Köslin umstieg.In Stettin begeisterte ich mich immer an dem im Krieg eingeschmolzenen Manzel-Brunnen, und sah gerne zu, wenn an der Drehbrücke über die Oder die Schiffe durchfuhren.
Das erste Schuljahr habe ich nicht unbedingt ernst genommen.Wir mussten jeden Tag Schiefertafel, Schwamm und Griffel mit zur Schule schleppen und lernten noch zwei Jahre lang die altdeutsche Sütterlinschrift: auf , ab, auf, Pünktchen drauf, fertig ist das i.Als wir später auf Schreibhefte und Tintenfederhalter umstiegen, gab es schon manche Ohrfeige wegen der Kleckse.Unser Lehrer Zimmermann hat uns getreulich die vier Grundschuljahre hindurchgeleitet: streng, aber gerecht.Auf dem Schulweg mussten wir immer an der Verladerampe der Bahn vorbei.Als dort einmal Soldaten verladen wurden, war es für meinen Freund und mich so interessant, dass wir vergaßen, zur Schule zu gehen.Zufällig kam mein Vater vorbei, nahm uns beide aufs Rad und lieferte uns in der Schule ab.Ein besonderes Erlebnis war es für mich, als einmal ein Zeppelin über Küstrin schwebte...
1937 zogen wir dann in die Landsbergerger Straße 6a über dem Restaurant Hohenzollern.Die Häuserblocks gehörten dem Unternehmer Kube.Wir wohnten im Hinterhaus im 4. Stock direkt unter dem Pappdach.Im Winter war es lausig kalt, im Sommer vor Hitze nicht auszuhalten.Da mussten wir als Kinder die Kohleeimer die vier Treppen aus dem Keller hochschleppen.Für fünf Familien gab es eine Toilette und einen Wasserhahn, glücklicherweise neben unserer Wohnung.Zur Waschküchengemeinschaft gehörten noch die Mieter des Nachbarhauses.Zum Baden wurde abends eine Wanne in die Küche gestellt und Wasser auf dem Kohleherd heiß gemacht. Das gebrauchte Wasser wurde wieder mit Eimern in den Ausguss gegossen.Wir hatten mit vier Personen nur zwei Zimmer und so baute mein Vater für uns beide ein Doppelbett, um alle im Schlafzimmer unterzubringen.Mein Vater war als Lokomotivheizer auch nachts unterwegs und musste anschließend tagsüber schlafen.Dann mussten wir immer leise sein.Das änderte sich erst, als er eine Stellung beim Elektrizitätswerk am Bahnhof erhielt.Für mich war es immer interessant, wenn ich ihm seinen Henkelmann mit dem Mittagessen bringen musste...
Es gab viele Jungen in meinem Alter, und wir waren ständig auf Entdeckungen aus.Schon der Park des Restaurants „Hohenzollern“ bot ungeahnte Möglichkeiten, ebenso der alte Friedhof und die Feuerwache gegenüber.Auf dem Schießstand buddelten wir im Auffangsand nach den Bleikugeln der Kleinkalibergeschosse, die wir als Munition für unsere Gummischleudern benötigten.
Auch die ersten Rauchversuche wurden hier unternommen.Die Zigarettenautomaten waren damals noch nicht so sicher wie heute, und nach heftigem Klopfen fiel schon mal eine Schachtel durch.
Hinter unserem Park floss die Warthe, die oft Hochwasser führte.Wir tobten dann viel auf den Flößen herum.Auch die Pioniere mit ihren Pontonbrücken konnten uns begeistern.Besonders bewundert habe ich den Mut der Pioniere, die mit langen Stangen und Sprengladungen auf der Oder von Eisscholle zu Eisscholle sprangen und die Packeisbarrieren vor den Brückenpfeilern sprengten. Im Winter wurde der Kaiserkolk zum Schlittschuhlaufen freigegeben.Auch die Brauereien ließen ihre Arbeiter hier ihr Eis für den Eiskeller sägen.
Es gab viele Höhepunkte im Jahr.Da waren die Sonnenwendfeiern in der Altstadt, immer mit viel Trommlern und Fanfaren der Hitlerjugend.Da war der Tag der Wehrmacht in den Kasernen.Ich war meistens bei den Pionieren oder der Artillerie, wo wir mit den Geschützen mitfahren konnten.Die Infanterie hatte da weniger zu bieten.Besonders in Erinnerung ist mir noch eine Vorführung der Kosaken, die auf ihren flinken Pferden mit Säbeln Tücher von der Erde aufhoben.Auch der 1. Mai mit den Umzügen der Betriebe war für uns Kinder interessant, besonders der Wagen der Norddeutschen Kartoffelmehlfabrik, von dem aus man so einen weißen Fabrikzucker in die Menge warf.Im Sommer gingen wir oft ins Freibadan der Warthe zwischen den beiden Bahnbrücken.
Ein schwerer Knacks für meine junge Seele war der Tag nach der „Reichskristallnacht“ am 10. November 1938.Ich kam gerade vom orthopädischen Turnen, das mir der Arzt verordnet hatte, da meine Körperhaltung nicht den damaligen Vorstellungen entsprach: Bauch rein, Brust raus!Die Luft roch nach Brand, und ich sah, dass die Synagoge abgebrannt war.Eine große Volksmenge warf Steine gegen die neben der Synagoge liegende Villa eines Rechtsanwalts.Mir wurde erklärt, dort wohne ein Jude, ein Begriff, mit dem ich nicht viel anfangen konnte.Ich inspizierte dann die rauchenden Trümmer der Synagoge und fand in einer Ecke einen Haufen angekokelter Bücher.Da mich Bücher schon immer interessiert haben, nahm ich eins mit nach Hause.Mein Vater schimpfte fürchterlich, was er damit solle, die Schrift könne doch kein Mensch lesen.Ich entdeckte noch, dass auch am "Stern" etliche Schaufensterscheiben eingeschlagen worden waren.
Besonders lustig fanden wir Kinder es, Zündblättchen auf die Straßenbahnschienen zu legen, da diese beim Überfahren immer laut knallten.Wir beobachteten das Ereignis natürlich immer aus gehöriger Entfernung, denn es konnte auch passieren, dass der Schaffner heraussprang und hinter uns herlief.Aber auf dem dahinter liegenden Friedhof wussten wir besser Bescheid.
Am 1. September 1939 brach der Krieg aus.Ich saß abends am Fenster und beobachtete aus dem vierten Stockwerk den Abendhimmel, wie die Sonne hinter den Wolken unterging und sah in meiner Phantasie einen Sarg und ein Schwert.Meine Mutter, die ja schon vom 1. Weltkrieg her Hunger kannte, schickte uns zu mehreren Bäckern, um Brot zu kaufen.Als wenige Tage später Lebensmittelmarken ausgegeben wurden, wurden die Brotrationen für uns gekürzt.Bei einer befreundeten Familie Thomas machten wir uns ein Stück Garten urbar.Der Mann fiel als Feldwebel bei den Pionieren bereits in den ersten Kriegstagen.Auch unser Klassenlehrer wurde Soldat.Ich wurde für fähig befunden, auf die Mittelschule in der Altstadt überzugehen.Dort waren monatlich 10 Reichsmark Schulgeld fällig, die meine Eltern nicht übrig hatten, jedoch von Onkel Fritz anstandslos übernommen wurden, ebenso die Straßenbahnmonatskarte.Auch die neuen Schulbücher kosteten viel Geld.Mit mir gingen meine alten Schulkameraden Siegfried Zedler und Friedrich Wilhelm Mollenbauer zur neuen Schule.In der Altstadt eröffnete sich mir eine völlig neue Welt, die Friedrichs des Großen mit den Kasematten.Oft ging ich sonntags in das unterirdische Museum mit den Pyramiden aus Kanonenkugeln.Eindrucksvoll waren für mich auch das Museum im Schloss und die Schlossfestspiele.Als wir in der Schule von der Schlacht bei Zorndorf sprachen, setzte ich mich sofort aufs Rad und glaube dort noch Spuren zu finden.Meine Zeit war jetzt sehr begrenzt, denn es gab viele Hausaufgaben, vor allem das Pauken englischer Vokabeln, die meine Mutter streng überwachte.Den Rest der Freizeit beanspruchte „der Führer“.Trotz unserer knappen Haushaltskasse wurde ich für meinen Stand als Pimpf vorschriftsmäßig eingekleidet: Für den Sommer erhielt ich ein braunes Hemd und eine kurze Manchesterhose: eine Handbreit über dem Knie.Sie wurde von einem Koppel und einem Schulterriemen gehalten.Das Koppelschloss trug die Aufschrift „Blut und Ehre“.Am Ärmel trugen wir ein Dreieck mit der Aufschrift „Gau Ost – Mark Brandenburg.Ein schwarzes Halstuch wurde von einem Lederknoten zusammengehalten.Es wurde genau festgelegt, ab wann die Winteruniform zu tragen war: schwarze Skihose, am Knöchel zusammengebunden, Skibluse und Skimütze.
In einem Bodenraum der ehemaligen Kaserne in der Landsberger Straße befand sich unser Kameradschaftsheim.Hier lernten wir das Lesen von Landkarten und die Dienstorder.Der praktische Teil spielte sich auf dem Hof ab.Bisher gute Freunde bekamen eine „Affenschaukel“, rotweiß für Jungschaftsführer, grün für Jungzugführer, rot für Fähnleinführer und sollten uns zu tüchtigen Hitlerjungen machen.Wir übten Antreten in drei Reihen, Marschieren und richtig grüßen.Wer unangenehm auffiel, musste Kniebeugen oder Liegestützen machen oder auf dem Bauch robben.Manchen Sonnabend und Sonntag machten wir auch Fahrten in die Umgebung mit Geländespielen, Reiterkämpfen und Völkerball.Nach dem Willen des Führers sollten wir „zäh wie Leder, flink wie Windhunde und hart wie Kruppstahl“ werden.
Küstrin als Garnisonstadt hatte an der Zorndorfer Straße auch ein Lazarett mit vielen Kranken und Verwundeten.Für deren Genesung mussten wir Heilkräuter sammeln die auf dem Schulboden getrocknet wurden.1940 war noch ein Jahr der Siege, und nach jeder Sondermeldung im Radio mussten wir auf dem Schulhof an der Oderbrücke antreten und bekamen eine Ansprache des Rektors zu hören.Anschließend sangen wir das Deutschland- und das Horst-Wessel-Lied und konnten danach wieder in die Klassen zurückgehen.In der Knabenmittelschule waren wir aus allen drei Stadtteilen (Neustadt, Altstadt und Kietz) zusammengewürfelt, aber auch aus den umliegenden Dörfern.Ich erinnere mich noch an einen Lehrer, der immer ein Loch in der Zeitung hatte, wenn er uns Arbeiten schreiben ließ.So merkte er schnell und unauffällig, wer beim Nachbarn abschrieb.Er ließ auch unartige Schüler nach vorne kommen.Dann gab es Hiebe mit dem Rohrstock auf die Handfläche.Einmal zog jemand seine Hand weg, und unter dem Gelächter der Klasse schlug er sich selber aufs Knie.Seitdem hielt er die Hand des Opfers immer fest.
Gnesen
Im November 1941 zogen meine Eltern nach Gnesen um.Meine Mutter freute sich, wieder in ihrer Heimat im Kreise ihrer Geschwister zu sein.Bis auf zwei Schwestern, deren Männer in Berlin gute Beamtenstellungen hatten, waren alle noch lebenden zwölf Geschwister wieder zusammen.Mein Vater hatte in der Volksschule eine Stelle als Hausmeister mit Dienstwohnung bekommen.Die Wohnung hatte aber nur drei kleine Zimmer für vier Personen.So erreichte ich es, dass ich wieder zu den jetzt in Gnesen wohnenden Onkel Fritz und Tante Trudchen ziehen durfte, die mit zwei Personen eine Vierzimmerwohnung und noch zwei Zimmer auf dem Boden hatten.Onkel Fritz war Standesbeamter und hatte auch die „Deutsche Volksliste „ zu verwalten, die festlegte, wer Deutscher und wer Pole war.So musste er auch seine Schwägerin und seinen Schwager wieder zu Deutschen machen, die zusammen mit dem Großvater das elterliche Geschäft in der Bromberger Straße in der polnischen Zeit weitergeführt hatten.Im Dezember 1939 wurde meine Cousine Sieglinde Brummund geboren.Da Tante Alma durch das Lebensmittelgeschäft mit polnischem Personal und das Markeneinkleben sehr eingespannt war, gab sie Sieglinde auch zu Tante Trudchen in Obhut.Dadurch wurde ich wieder Babysitter.Einmal habe ich beim Spielen den Kinderwagen umgekippt.Ich kam in Gnesen wieder auf die Mittelschule, die anfangs neben der evangelischen Kirche in der Friedrichstraße war.Dort wurde dann ein Internat für auswärtige Schüler eingerichtet und wir zogen in die Schule am Wasserturm um, was für mich zu einem sehr langen Schulweg durch die ganze Stadt führte.Dadurch bekam ich trotz des Krieges ein neues Fahrrad.Da wir ein Vierpersonenhaushalt waren und auch einen großen Garten hatten, bekamen wir eine polnische Haushaltshilfe, Helene Frankowski.Tante Trudchen versuchte, ihr die deutsche Sprache beizubringen, musste aber meistens polnisch mit ihr sprechen.Wir haben uns gut verstanden, was ich von ihrer Nachfolgerin, Therese Wisnewski, nicht sagen konnte.Helene musste dann in einen Rüstungsbetrieb.Unter uns wohnte eine Familie Book, die auch ihren Garten neben unserem hatte.Mit deren Tochter Ursel habe ich viel zusammen gespielt.Als wir beide etwa 14 Jahre alt waren, wollte sie plötzlich nichts mehr von mir wissen und ging nur noch mit ihrer Freundin Inge Reimann.Ich hatte dann immer nur Umgang mit Jungen, mit Klassenkameraden und welchen, die ich vom Jungvolk her kannte.Vom Jungvolkdienst hielt ich nicht viel.Wir hatten unser Heim in einer Baracke neben dem Arbeitsamt, mit einem großen freien Platz, auf welchem wir ständig gedrillt wurden, meistens am Mittwoch Nachmittag und fast jeden Sonntag.Es gab Sportfeste und Parteiversammlungen, auf denen wir singen mussten.Einmal wurde mir wegen Befehlsverweigerung vor versammelter Mannschaft Halstuch und Knoten abgenommen, weil ich mich geweigert hatte, mit meiner frisch gewaschenen Uniform durch eine Pfütze zu robben.In sehr übler Erinnerung ist mir auch ein Ferienlager auf der Insel im Lettberger See.Wir schliefen auf dem Dachboden einer Fischerhütte im Stroh.Als Latrine diente eine Grube mit Donnerbalken.Eines Morgens lag ein „Nachtwächter“ in der Nähe des Hauses.Da hatte es wohl jemand nachts nicht mehr bis zur Latrine geschafft.Da sich niemand als Verursacher meldete, wurden wir alle den ganzen Tag über die Wälle der alten Piastenburg gescheucht.Weil auch das Essen so miserabel war, sind dann nachts heimlich einige über den See geschwommen und haben von einem Bauern aus die Eltern angerufen.Es kamen dann viele Eltern, darunter auch mein Vater.Er brachte mehrere Körbe voll Johannisbeeren aus unserem Garten mit.Davon haben wir jeder nur drei Trauben gesehen, den Rest verputzten unsere Führer mit den BDM-Führerinnen, die für uns kochen sollten.Mein Vater hat dann meinen Bruder mit nach Hause genommen.Bei mir half alles Betteln nichts, ich musste bis zum Ende aushalten und sollte abgehärtet werden.
In der Mittelschule war ich ein guter Schüler und brauchte mich nicht besonders anzustrengen.Eines Tages hatte mein Onkel erfahren, dass durch eine Schulreform die beiden obersten Klassen abgeschafft werden sollten.Das war eine der Neuerungen, die der Gauleiter Greiser in seinem Reichsmustergau einführte.Es gab dann nur noch eine achtklassige Hauptschule.Danach sollten die Schüler Fachschulen besuchen, weil er hauptsächlich Verwaltungskräfte auf unterer Ebene benötigte.Onkel Fritz nahm dann Verbindung zu Direktor Dr. Schlau vom Gymnasium auf und erreichte, dass ich überwechseln konnte.Leider bekam ich kurze Zeit später eine schwere Krankheit, die ich mir wahrscheinlich beim Baden geholt hatte: Lungen-, Rippenfell- und Mittelohrentzündung.Im Krankenhaus Bethesda wirkte wegen kriegsbedingter Personalnot nur der alte Sanitätsrat Anders, der unsere Familie schon während des 1. Weltkrieges betreut hatte.Die heute schnell wirksamen Medikamente gab es damals noch nicht. Onkel Fritz hat dann einen Krankenwagen bestellt und mich nach Posen bringen lassen.Dort war ich mit vielen Verwundeten zusammen auf einem Zimmer.Später kam ich ins Kinderkrankenhaus, wo es langsam wieder aufwärts ging.Gerettet hat mich wahrscheinlich eine Blutspende meiner Mutter.Meine Mutter hatte sich in Posen ein Zimmer genommen und war jeden Tag bei mir.Als Dank für meine schnelle Genesung hat sie mir ihre goldene Armbanduhr geschenkt.Da meine Krankheit über das Ende der Sommerferien hinaus dauerte, fehlten mir auf dem Gymnasium die Anfangsgrundlagen in Latein und höherer Mathematik.Die Vokabeln paukte dann Tante Trudchen mit mir.Die Vokabeln, die ich nicht konnte, musste ich zehnmal aufschreiben.Wir waren 50 Schüler in der Klasse, und es herrschte Mäuschenstille.Wer nicht mitarbeitete, lief bald im blauen Anzug als Lehrling rum.Meine Lieblingsfächer waren Deutsch, Geschichte, Erdkunde, Physik und Chemie.Da sich die Ostfront allmählich auf Richtung Heimat zu bewegte, häuften sich die Verwundeten in den Lazaretten und unsere Schulen wurden geräumt, um als Hilfslazarette zu dienen.Unsere Klasse wurde geteilt und der Unterricht in Gaststätten, Gemeinderäumen und Bahnhofswartesälen abgehalten.Unsere Lehrer, meist alte Damen und Herren aus der Kaiserzeit, mussten in den Pausen quer durch die Stadt rasen.War nachts Fliegeralarm, brauchten wir am nächsten Morgen erst zwei Stunden später zum Unterricht kommen.Am 25. März 1944 wurde mein Vater Soldat und kam zu einer Kraftfahrereinheit, die im Spessart Holz für die Holzgasgeneratoren fällte.In den letzten Kriegstagen kam er wegen Magenbeschwerden nach Prag in ein Lazarett, von wo aus er dann in russische Gefangenschaft nach Sibirien gebracht wurde.Wir Jungen stürzten uns nach seiner Einberufung sofort auf seine Werkzeugkiste, die wir vorher nur bewundern durften.Meine Mutter musste mit einem polnischen Hausmeister und einem polnischen Dienstmädchen die Volksschule in Ordnung halten und die tägliche Milch an die Schulkinder ausgeben.Ich hatte jeden Tag von den Feldrändern Kaninchenfutter herbeizuschaffen und wöchentlich die Kaninchenställe auszumisten.Onkel Fritz war der Ansicht, dass ich auch musikalisch werden müsste, da er leidenschaftlich gerne Zither spielte.Ein Klavier hatte mir zu viele Tasten, und so entschied ich mich für die Geige.Mein Lehrer war eine Kapazität, nämlich der Domorganist, den Onkel Fritz einige Zeit zuvor vom Polen zum Volksdeutschen gemacht hatte, damit er seine Stellung behalten konnte.Ich konnte inzwischen einige Volkslieder mittelmäßig spielen, hatte aber nach einigen Monaten keine Lust mehr.Viel lieber kletterte ich in den Türmen des Domes herum, der den ganzen Krieg über geschlossen und Baustelle war.Auch den Stadtförster hatte Onkel Fritz zum Volksdeutschen befördert, und dafür gab es dann gelegentlich auch mal einen Hasen.Gehungert haben wir während des Krieges jedenfalls nicht.Wenn es zum Mittag Schwarzsauer gab, oder „nackte Mäuse“, rohe graue Kartoffelklöße, habe ich manche Tracht mit der Klopppeitsche eingesteckt und musste hungrig vom Tisch aufstehen.Ich bin dann zu Tante Alma gefahren und habe mit Vetter Ulli Wettessen gemacht, wobei ich einmal mit 13 Schmalzstullen Sieger blieb.Bei mir machten sich inzwischen auch die Flegeljahre bemerkbar, die Onkel Fritz als ehemaliger pommerscher Feldwebel mit seinem eisernen Gewehrreinigungsstock und der siebenstriemigen Klopppeitsche mehr oder weniger erfolgreich bekämpfte.Einmal hatte ich mich nach seiner Ansicht nicht richtig gekämmt.Er ging mit mir zum Friseur und ließ mir eine Glatze schneiden.Meine stolze Hitlertolle mit linkem Seitenscheitel sank auf den Fußboden.Ich habe dann täglich sein Haarwuchsmittel (Klettenwurzelöl) mit benutzt und hatte bald wieder meine alte Haarpracht.Seine ständigen Begleitworte waren: „Du kannst bei mir das Himmelreich auf Erden haben, aber parieren musst du!“ und: "Du musst mit den Augen stehlen und jedem das Seine lassen." Wir haben zusammen stundenlang Holz gesägt und bei den gemeinsamen Spaziergängen hat er mir viel erklärt.Ansonsten haben wir uns gut verstanden und waren mit Patti, Manni, Putti und Moppel (Begriffe, die meine Cousine Sieglinde in ihrer Kindersprache geschaffen hatte) eine prächtige Familie.Onkel Fritz nahm mich auch mit, wenn der Kyffhäuserbund seine wöchentliche Schießübung mit Kleinkalibergewehren hatte.Ich musste dann im Unterstand die Treffer anzeigen.Anschließend durfte ich auch selber schießen.Das führte dazu, dass ich beim Jugendwettbewerb in Gnesen den zweitbesten Platz holte.Auch Pistolenschießen hat er mir beigebracht.Einige Male bin ich auch zum Konfirmandenunterricht gegangen, aber bald ließ uns der HJ-Dienst dazu keine Zeit mehr.An einem Sonntagvormittag mussten wir im Stadttheater antreten.Wir mussten auf der Bühne einige Lieder singen, mehrere Reden anhören und bekamen dann ein Sparbuch mit 5 Reichsmark Guthaben in die Hand gedrückt.Onkel Fritz erklärte mir später, dies sei meine Jugendweihe gewesen.
Im Sommer 1944 wurden wir vom Jungvolk in die Hitlerjugend übernommen.Dazu fuhren wir mit dem Zug nach Posen, wo im Reichsgautheater extra für uns eine Egmont-Aufführung gespielt wurde.Das war sehr erhebend, wie die Schauspieler mit wehenden Fahnen und Trommelwirbel über die Bühne zogen.Vom ewigen Marschieren hatte ich die Nase voll und meldete mich zur Motor-HJ.Da mussten wir dann jede Woche an einem Nachmittag auf den städtischen Bauhofund haben ein Motorrad auseinandergenommen und wieder zusammengesetzt.1944 gab es noch einen schönen Sommer.Wir waren viel in der Badeanstalt, und ich erwarb mein Fahrtenschwimmerzeugnis: 45 Minuten über den See schwimmen.Gelegentlich waren wir mit dem Direktor Dr. Schlau auch mit dem Viererruderboot auf dem Tremessener See, wo die Schule ein Bootshaus hatte.In gewissen Abständen kamen auch die Werbeoffiziere der SS zu uns in die Klasse und wollten uns als Nachwuchs anwerben.Aber wir hatten dazu keine Meinung und meldeten uns geschlossen mit 14 Jahren als Offiziersbewerber des Heeres, um endlich Ruhe vor den SS-Werbern zu haben.In den Ferien habe ich zusammen mit meinem gleichaltrigen Vetter Ulli einen Sanitäterkursus im Lazarett mitgemacht.Man hat uns dann weggejagt, weil wir zu viele Dummheiten machten.Ullis Vater, früher polnischer Soldat, war auch schon vor längerer Zeit zur SS geholt worden.So mussten wir auch viel in Tante Almas Laden helfen, etwa Sauerkraut stampfen und Kartoffeln abwiegen.Trotzdem blieb uns noch Zeit, die Bauern der umliegenden Dörfer zu besuchen, die im Laden der Tante Kunden waren.Ich bin da auch mal auf einem Ziegenbock geritten.
Zum Herbst 1944 gab es dann keine Siegesmeldungen im Radio mehr, nur noch Nachrichten über strategische Absetzbewegungen.Ulli musste mit seiner Klasse der Volksschule in Richtung Osten und Panzergräben ausheben.Wir vom Gymnasium blieben davon verschont.Weihnachten 1944 haben wir im Kreise unserer Verwandtschaft das Fest mit Mohnkuchen und Mohnstriezeln gefeiert, jeden Feiertag in einer der fünf Familien.Als einziger Mann war nur noch Onkel Fritz zu Hause, der mit seiner Plattenkamera und Blitzlichtpulver fotografierte.Wenn er dann anschließend bei rotem Licht stundenlang die Bilder entwickelte, lag immer die Badewanne voller Bilder oder sie hingen an der Wäscheleine darüber.Es war für uns Ehrensache, auch immer zwei Verwundete aus den Lazaretten zu Weihnachten einzuladen.Im Januar 1945 wurde es unheimlich kalt, und ich bemerkte, dass ganze Gruppen von Pferdewagen in der Dunkelheit auf Nebenstraßen um die Stadt herumgeleitet wurden.In der Zeitung hieß es, dass kein Mensch seinen Platz verlassen dürfe und der Führer bald seine Wunderwaffe einsetzen werde, die mit einem Schlage alle Feinde vernichten würde.Onkel Fritz musste mit anderen nicht mehr wehrfähigen alten Herren und ab 15jährigen Jünglingen auch zum Volkssturm.Sie sammelten sich in einer Gaststätte und erhielten einen Karabiner und eine Armbinde mit der Aufschrift „Volkssturm“, dazu einige „Hindenburglichter“ (ähnlich den heutigen Teelichtern) und für drei Tage Marschverpflegung.Da Onkel Fritz starker Raucher war, musste ich ihm noch 300 Zigarettenhülsen mit Tabak stopfen.Etliche fielen davon auch für mich ab und eine Zigarre habe ich auch probiert.Aber das waren meine letzten Rauchversuche.
Flucht nach Wildau bei Berlin
Bis zum 19. Januar hatten wir noch geregelten Schulunterricht, obwohl schon einige Mitschüler aus den Dörfern fehlten.Dann hieß es plötzlich: „Gnesen muss geräumt werden.“Tante Alma gab Ulli und mir 1.000 RM.Wir sollten sehen, dass wir bei einem befreundeten Gutsbesitzer Pferd und Wagen bekämen.Aber der war schon per Auto geflüchtet.So packten wir einige Taschen und gingen zum Bahnhof.Ich hatte meinen Tornister mit Karabinermunition gefüllt und darum vorschriftsmäßig eine Decke gerollt.Tante Trudchen hat dann die Munition ausgeschüttet und dafür Wäsche eingepackt.Ich zog die langen Stiefel meines Vaters an und den Pelzmantel von Onkel Fritz.Auf dem Bahnhof stand ein Zug mit offenen Güterwagen, der schon fast besetzt war.Die Neuankömmlinge haben dann einfach Gepäckstücke rausgeworfen nach dem Motte: Erst kommen die Menschen mit!Ich fand einen Platz in einem leeren Bremserhäuschen, wo ich glaubte, den Zug gegen Partisanen und Tiefflieger verteidigen zu müssen.Als der Zug sich in Bewegung setzte, waren die Russen schon vor Posen, und wir fuhren einen Umweg nach Süden über Schlesien, von Glogau an dann wieder nordwärts in Richtung Berlin.Die Reise dauerte bei 20 ° Kälte mit Unterbrechungen zwei Tage und zwei Nächte.Als meine Tante Anni mit ihrer dreijährigen Ingrid einen Halt zum Austreten nutzen wollte, fuhr der Zug plötzlich an, und sie blieben zurück.Auf dem nächsten Bahnhof fuhren dann zwei Männer mit einer Draisine zurück und holten sie wieder ab.Kurz vor Berlin türmten der polnische Heizer und Lokführer, obwohl der Bewacher noch hinterhergeschossen hatte.Unser Zug wurde dann von einer Werkslokomotive der Schwarzkopfwerke auf ein Werkgleis in Wildau gezogen, und wir wurden in Holzbaracken untergebracht.Unsere Sippe bestand aus sieben Frauen und acht Kindern, wobei ich mit 14 Jahren der Älteste war.Tante Alma hat dann alle Lebensmittelvorräte, die sie aus dem Laden noch mitgenommen hatte, an alle Verwandten verteilt. Wir kamen vorübergehend für etwa zwei Wochen in ein Barackenlager der Lokomotivfabrik Schwarzkopf.Als erstes hat meine Mutter den Lagerleiter darum gebeten, uns die Gewehre wegzunehmen.Dann wurden wir entlaust und ärztlich untersucht, auch auf Läuse.Wir bekamen Lebensmittelmarken.Dieser Zuwachs an Flüchtlingen stellte die kleine Fabrikarbeitergemeinde von ca. 3.000 Einwohnern und zusätzlich 3.000 Fremdarbeitern vor gewaltige Versorgungsprobleme.Anschließend wurden wir in Privatwohnungen untergebracht.Wir kamen mit drei Familien (8 Personen) im Dachgeschoss der Villa des Fabrikdirektors Stamm unter.Dort hatten wir es warm und sogar eine kleine Küche.Toilette und Badewanne mussten wir mit dem Direktor zusammen benutzen.Er war meistens im Werk und seine Frau war schon „zu Besuch“ bei Verwandten in Westdeutschland.Wir fünf Jungen, alle etwa im gleichen Alter, begannen dann, die neue Umgebung zu erkunden.Die nachfolgenden Russen waren noch für einige Wochen an der Oder aufgehalten worden.Meine Mutter bat den Direktor Stamm, ob er mir nichteine Arbeit im Werk besorgen könne, damit ich von der Straße käme. Sie meldete mich zur Kaufmännischen Handelsschule von Dr. Großstück in Königswusterhausen zum Abendkursus an.So fand ich mich schon am nächsten Tag als Praktikant in Blauleinen in der Lehrlingswerkstatt wieder.Als erste Arbeit musste ich einen dicken Eisenklotz 1 cm rechtwinklig feilen, in meinen Augen eine sinnlose Arbeit.Später kam ich an die elektrische Eisensäge und musste von einem langen Rohr dünne Eisenringe abschneiden.Die wurden dann in der Schweißerei zu Panzerfausthaltern für die Fahrräder des Volkssturms verarbeitet, die letzte Wunderwaffe des Führers gegen die russischen Panzer.Jeder Werksangehörige bekam einen Ausweis, den er dem Werkschutz beim Betreten und Verlassen des Werkes vorweisen musste.Außerdem mussten alle Mitarbeiter sichtbar in einer Hülle einen Button mit dem Namen und in der Farbe ihrer Abteilung tragen.Niemand durfte ohne Genehmigung eine fremde Halle betreten.Nachts haben wir meistens im Keller oder im kurz zuvor erbauten Luftschutzstollen geschlafen, da in und um Berlin herum viele Bomben abgeworfen wurden.
Kriegsende
Am 2. April hörten wir dann das Donnern der näherkommenden Kanonen und Panzer und gingen in den Stollen, 40 Meter tief unter der Erde.Bald darauf kam ein Trupp deutscher Soldaten durch den Stollen, und meine Tante sagte zu ihnen: „Macht, dass ihr wegkommt, die Russen sind schon da.“Aber ein Soldat erwiderte: „Wir sind SS und keine Wehrmacht, wir kennen keine Angst.“Kurz darauf kamen dann die Russen und trieben uns nach draußen.Da wurden alle Männer aussortiert.Mich wollten sie auch mitnehmen, aber meine Mutter schimpfte auf Polnisch mit ihnen, dass ich noch ein Kind sei, da ließen sie mich bei ihr.
Die Fremdarbeiter verließen ihr Lager und plünderten den Ort Wildau völlig aus.Dann zogen sie in ihre Heimatländer.Auch an Direktor Stamm, den die Russen mitgenommen hatten, meinten sie Rache nehmen zu müssen, und zündeten die Direktorenvilla an, die bis auf die Kellermauern niederbrannte. Dadurch verloren wir auch noch die letzten Kleidungsstücke und das Geschirr, das uns Tante Martha aus Berlin gebracht hatte.Tante Hilda aus Berlin hatte selber nichts mehr, da sie ausgebombt war und mit ihrer Familie in einer notdürftig reparierten Ruine lebte.Die zweite Plünderungswelle brach durch die russischen Nachschubsoldaten mit ihren kleinen Panjewagen über uns herein.Da wurde ich auch noch meine Stiefel los und musste ein freundliches Gesicht dazu machen.Den Pelzmantel ließ man mir, weil der Mai schon sehr warm war.Er hat mir in dem kommenden Winter als Zudecke nachts gute Dienste geleistet.Wir wurden durch den Bürgermeister bei einem älteren Ehepaar untergebracht, das uns ein Zimmer abgeben und in seiner Küche kochen lassen mussten.Wasser und Strom gab es nicht.Zur Verrichtung unserer Notdurft mussten wir in die Büsche der Dahmewiesen gehen.Onkel Fritz und Tante Trudchen hatten es noch am besten getroffen, sie wohnten allein in einer Gartenlaube.Hier tagte dann auch regelmäßig der Familienrat, zog Bilanz und plante die weitere Zukunft.Onkel Fritz hatte noch mit erfrorenen Füßen flüchten und sich bis Wildau durchschlagen können.Onkel Alfred war mit Pferd und einer Kutsche von Gnesen bis Frankfurt/Oder und die letzten 100 km zu Fuß nach Wildau gekommen.In den letzten Kriegstagen wurde er noch nach Hannover eingezogen und galt seitdem als vermisst.Onkel Rudi galt schon längere Zeit nach Kämpfen mit Partisanen in Jugoslawien als vermisst.Onkel Hermann war in amerikanischer, mein Vater in Sibirien in russischer Gefangenschaft.In Wildau kursierte das Gerücht, der Bürgermeister soll zum sowjetischen Ortskommandanten gesagt haben, er solle doch die vielen Schwarzmeerdeutschen wieder nach Russland zurückschicken, besser auch gleich alle Flüchtlinge in die Sowjetunion bringen, da er sie nicht ernähren könne.Daraufhin haben wir eine zweirädrige Karre organisiert, unser Gepäck darauf geladen und sind die 50 km nach Berlin gezogen.Unterwegs brach ein Rad, und jeder musste bei der Hitze seinen Rucksack selber tragen.So standen wir unverhofft bei Tante Martha in Wilmersdorf vor der Tür.Glücklicherweise war ihre Nachbarin verreist, und wir konnten deren Wohnung mitbenutzen, da sie den Schlüssel bei Tante Martha abgegeben hatte.In Berlin gab es für uns keine Zuzugsgenehmigung und keine Lebensmittelkarten, und nun musste jeder seinen eigenen Weg gehen.Tante Anni beschloss, mit ihren beiden Kindern in den Westen zu gehen, ebenfalls Tante Else und Frau Schiewe, die im Laden zusammengearbeitet hatten.Onkel Fritz und Onkel Hermann übernahmen jeder eine 20 Morgen große Siedlerstelle des aufgeteilten Gutes in Kotzen bei Rathenow, wo sie im Schloss wohnen konnten.Tante Irma und meine Mutter beschlossen, nach Frankfurt/Oder zu ziehen, wo sie hofften, bei Verwandten unterzukommen.Wir fuhren die 80 km in zwei Tagen und eine Nacht auf einem Güterzug, der mit demontierten Maschinen in Richtung Sowjetunion rollte und wurden unterwegs ständig von plündernden Polen und Russen belästigt, die meine Mutter mit polnischen Schimpfwörtern verscheuchte.In Hohenwalde gab es keine Möglichkeit für uns, da das Elternhaus meines Vaters schon bis unters Dach voll belegt war.
Müllrose
Im Juli 1945 kamen wir in Müllrose an, einer märkischen Kleinstadt südlich von Frankfurt von etwa 2.000 Einwohnern.Bei einer Schwester meines Vater, die zwei kleine Kinder hatte, fanden wir eine Unterkunft.So wohnten wir mit acht Personen in zwei Zimmern und Küche.Der Ort war bei Kriegsende von Zivilisten geräumt und Hauptkampflinie gewesen.Die Brücke über den Oder-Spree-Kanal war gesprengt, und die Russen hatten eine hölzerne Notbrücke erbaut.Die Stadt selbst war nicht zerstört, nur durch Plünderungen schwer in Mitleidenschaft gezogen.Es gab kein Vieh und keine Lebensmittel für die allmählich zurückflutendeBevölkerung.Glücklicherweise wuchs in den Gärten schon etwas Gemüse, und aus den umliegenden Wäldern sammelten wir Blaubeeren und Pilze, die meine Tante Anni dann bei den Bauern gegen Getreide eintauschte.Das Korn haben wir in der Kaffeemühle zu Schrot für eine Suppe gemahlen.Die Stadt lag an der Reichsstraße von Frankfurt/Oder nach Beeskow und wimmelte von durchziehenden Menschen. Meistens waren es entlassene deutsche Kriegsgefangene, die zu Fuß nach Hause wollten, aber auch Flüchtlinge, die glaubten, wieder in ihre Heimat jenseits der Oder zurückkehren zu können.Tante Anni schaute immer auf die Straße, ob nicht ihr Mann unter dem zerlumpten Volk wäre, das mühsam über die Hauptstraße humpelte.Eines Tages brachte sie einen Schmied aus Ostpreußen mit, der völlig entkräftet war.Unsere Hausvermieterin, Frau Dornemann, genehmigte dann, dass Gustav Snoek und ich in die leerstehende Gesellenstube auf dem Hof einziehen durften.Dafür mussten wir beiden Männer den ganzen Tag Holz sägen und spalten.Weil das Holz so schön roch, beschloss ich, Tischler zu werden, wie mein Vater und Großvater es auch waren.
Da ich mit 15 Jahren schon zur arbeitsfähigen Bevölkerung gehörte, wurde ich als Gänsejunge beim russischen Stadtkommandanten beschäftigt.Da bekam ich wenigstens Essen.Auf der Weide hüteten andere Jungen die Pferde, und wir sind dann ohne Sattel und Zaumzeug umhergeritten...Inzwischen hatten wir nach vielen Gängen zum Rathaus auch eine Aufenthaltsgenehmigung und Lebensmittelmarken bekommen.
Tischlerlehre
Meine Mutter machte jetzt den Versuch, mir eine Lehrstelle zu besorgen, was für einen dahergelaufenen Flüchtlingsjungen nicht einfach war.Es gab in Müllrose nur eine Tischlerei, die von Otto Heinze.Der Meister hatte große Bedenken, einen Lehrling zu nehmen, da er nicht wusste, ob er die Werkstatt behalten könne.Er musste auch befürchten, dass die Maschinen ausgebaut und nach Russland gebracht werden könnten.Da er aber meinen Großvater gut gekannt hatte, der im Nachbardorf Hohenwalde Tischlermeister gewesen war, und seine Tochter mit meinem Vater früher zusammen im Mandolinenclub in Müllrose war, bekam ich die Lehrstelle doch.So begann ich im August 1945 meine Tischlerlehre.Damals gab es noch keinen elektrischen Strom in Müllrose, da die Russen gerade das Braunkohlekraftwerk Brieskow-Finkenheerd an der Oder demontiert und nach Russland geschafft hatten.So lernte ich, wie man Bretter mit der Handsäge und mit dem Handhobel bearbeitet.Als es später wieder tagsüber stundenweise Strom gab, musste ich jeden Tag einen Sarg bauen, da es wegen der schlechten Versorgung und der kaum zu bekämpfenden Krankheiten sehr viele Todesfälle gab.Die Hauptarbeit entstand durch die Reparatur eingetretener Türen, die neue Türfüllungen erhielten.Es waren auch viele aufgebrochene Schlösser zu reparieren.Auch bei den Fenstern mussten die abgefaulten Wasserschenkel erneuert werden, damit die Glasscheiben wieder hielten.Als Material hatten wir nur ausgeglühte Beschläge aus den Brandruinen oder alte Nägel, die wir gerade klopfen mussten.Da die Russen in den Wäldern Raubbau trieben und es auch viele Kriegsschäden gab, war das Holz knapp.Eine meiner ersten Aufgaben war es, zusammen mit einem Bauern eine Panzersperre vor Mixdorf auszugraben, aufzuladen und zum Sägewerk zu fahren.Das waren gewaltige Stämme, die wir mit zwei Mann und zwei Pferden mit Hilfe von Wagenhebern und Ketten bewältigt haben.Der Tischler Otto Heinze hatte für die damaligen Verhältnisse eine sehr moderne Werkstatt.1940 waren die alten Maschinen mit Gasmotor und Transmissionsriemen abgebrannt und durch moderne ersetzt worden, die alle einen eigenen Elektromotor hatten.Inzwischen waren auch die Gesellen aus der Gefangenschaft zurückgekommen, und die Belegschaft bestand jetzt aus drei Gesellen und fünf Lehrlingen.Auch der Bruder des Meisters, Karl Heinze, der schon Rentner und von Beruf Schiffbauer war, half gelegentlich mit, besonders beim Schärfen der Sägen und Hobelmesser und beim Ausräumen der Toilette auf dem Hof, die von 16 Personen täglich benutzt wurde.Einmal bekamen wir vom Forstamt im Sommer eine Holzzuteilung in Biegenbrück zum Selberschlagen.Da mussten wir mehrere Tage lang 10 km laufen und die Birken und Kiefern mit Beil und Schrotsäge fällen.Ein Bauer hat die Stämme dann mit seinen Pferden zum Kanal gezogen, wo wir ein Floß daraus gebaut und es mit Stricken zum Sägewerk getreidelt haben.Später mussten wir dann die Bohlen und Bretter auf Pferdewagen aufladen und sie anschließend auf unserem Hof zum Trocknen aufstapeln.Unsere wöchentliche Arbeitszeit betrug 48 Stunden.Samstags arbeiteten wir bis 12 Uhr mittags.Anschließend mussten wir Lehrlinge noch etwa zwei Stunden die Werkstatt aufräumen und Brennholz sägen.Jede Woche hatte einer der Lehrlinge Feuerungsdienst.Er musste eine halbe Stunde früher in der Werkstatt sein und den Leimofen anheizen, damit der Leim warm war, wenn die Gesellen kamen.Im Winter mussten auch noch die Einsätze für den großen Späneofen gestopft und in die obere Werkstatt getragen werden.Der Maschinenraum zu ebener Erde hatte keine Heizung.Zu unseren Gesellen hatten wir ein gutes Verhältnis.Sie hatten alle drei früher beim Meister gelernt.Sie halfen uns, manchen Pfusch wieder in Ordnung zu bringen.Das war auch notwendig, denn Meister Heinze „schrieb eine gute Handschrift“, wenn er morgens die Hobelbänke entlangging.Anschließend musste ein Lehrling mit ihm runter in den Maschinenraum und beim Aufreißen und Zuschneiden der Fenster und Türen helfen.Meistens nahm er mich mit.Wahrscheinlich mochte er mich, weil ich in Küstrin zur Schule gegangen war und er in seiner Jugend in Küstrin bei den Pionieren gedient hatte.Manchmal bekam ich auch zu hören: „Höhere Töchterschule besucht, aber doofer als jeder andere!“Einmal bekam ich eine Ohrfeige, dass ich lang über einen Bretterstapel flog, weil der Anlasser der Hobelmaschine durchgebrannt war, obwohl ich mir keiner Schuld bewusst war.Am anderen Tag sagte ihm dann der Elektriker, dass die Ursache ein eingeklemmter Ast in einer Walze war.
Oft forderten die Russen Arbeitskräfte bei den Betrieben an, und der Meister hat dann natürlich uns Lehrlinge geschickt.So haben uns im Frühjahr 1946 die Russen auf Lastwagen geladen und nach Biegen aufs Gut gefahren, wo wir mit etwa 100 Leuten mit Spaten den Acker umgraben mussten.Neben dem Stadtkommandanten gab es noch den Mühlenkommandanten, der in Schmidts Villa residierte.Er wollte unbedingt Frühbeete haben, und so mussten alle Bau- und Holzhandwerker ins Speerlager und die Tore der Hallen und die verglasten großen Fenster rausreißen und bei ihm im Garten daraus Frühbeete bauen.In den Hallen bauten die Maurer dann Bassins zum Einlegen von Gurken und grünen Tomaten.Da bekamen wir wenigstens mehrere Wochen ordentliches Essen.Auch die roten Tomaten durften wir essen, aber nichts mit nach draußen nehmen.Einmal musste ich zwei Tage und eine Nacht hintereinander mit einem Russenauto nach Frankfurt in das halb zerstörte Rathaus mitfahren und dort Getreide umschaufeln, damit es besser trocknen konnte.
Abends hatten wir noch oft Versammlungen zur politischen Umerziehung.Außerdem wurde die Gewerkschaft FDGB gegründet, in der wir alle Mitglieder werden mussten.Wer nicht Mitglied war, bekam keine Bezugscheine.So habe ich einmal einen Bezugschein für eine Hose und einmal für ein Paar Turnschuhe erhalten.Einmal habe ich mich bei der Gewerkschaft über die zu lange Arbeitszeit für uns Lehrlinge beschwert.Das gab natürlich Ärger.Aber die Ursache meiner Beschwerde wurde abgestellt.Die 48 Stunden Arbeit verteilten sich nun aufMontag bis Freitag.Am Freitag durften wir zwei Stunden vor Feierabend mit dem Aufräumen und Schneiden des Brennholzes beginnen.Dafür hat der Meister dann am Samstagvormittag mit uns Technisches Zeichnen geübt und uns über die verschiedenen Holzsorten unterrichtet.Berufsschule hatten wir erst drei Monate vor der Prüfung.Ein Lehrer unterrichtete die männlichen Lehrlinge alle in einer Klasse: Zimmerleute, Maurer, Dachdecker und Tischler.Die weiblichen Jugendlichen hatten Unterricht bei einer Lehrerin.Der Unterricht fand im Jugendheim neben dem Schützenhaus statt.Außer Rechnen und Rechtschreibung und Informationen über die neuen sozialistischen Errungenschaften haben wir dort nichts gelernt.Dann begann ich mit meinem Gesellenstück, einem doppelten Kastenfenster.Im August fuhr ich nach Fürstenwalde zur Gesellenprüfung.Es wurden meistens politische Fragen gestellt. Meister Heinze hat mich noch ein halbes Jahr als Geselle behalten.Dann hat er uns mit zwei Gesellen entlassen und Ostern wieder zwei neue Lehrlinge eingestellt.
Wir hatten inzwischen in der Frankfurter Landstraße eine eigene Wohnung mit Stube und Küche für drei Personen bekommen.Ich schlief in der Dachkammer, wo ich im Winter entsetzlich fror, da wir nur ein paar Decken hatten.Schrot für die Suppe mussten wir morgens durch die Kaffeemühle drehen und im gegenüberliegenden Wald Zweige und Tannenzapfen zum Kochen suchen.Feuerholz gab es sonst nur, wenn es irgendwo einen Waldbrand gegeben hatte.Meine Mutter nähte für Bauern, damit wir etwas zum Essen bekamen.Ich habe mir dann beim Stellmacher Lange einen Handwagen gebaut, damit wir damit nach Hohenwalde und Biegen zum Kartoffelstoppeln und Ährenlesen ziehen konnten.Unsere Wirtin hatte uns auch ein Stück Garten zur Verfügung gestellt, aber auf dem weißen Sand wuchs kaum etwas. So kam es immer zu einem Kampf um den düngenden Inhalt der Toilettengrube auf dem Hof.Auch die Pferdeäpfel auf der Straße wurden in einem Wettlauf unter den Nachbarn eifrig gesammelt.Diese Pferdeäpfel waren meistens rot, denn die Pferde bekamen fast ausschließlich rote Rüben als Futter.Hafer war zu schade für sie, der wurde mit im Brot verbacken.Fleisch gab es selten, außer Pferdefleisch, davon auf Fleischmarken sogar die doppelte Ration.
1948 kam mein Vater aus russischer Kriegsgefangenschaft zurück und war nur noch Haut und Knochen.Er sollte in den letzten Kriegstagen in Prag im Lazarett am Magen operiert werden, wurde statt dessen von den sowjetischen Befreiern mit nach Russland verschleppt und musste dort zwei Jahre im Wald arbeiten.Er war nach seiner Heimkehr völlig arbeitsunfähig und wurde dann endlich in Müllrose im Krankenhaus (im ehemaligen Beamtenhaus an der Mixdorfer Straße) operiert.Danach ging es ihm wieder besser.Wir bekamen auch eine Zweizimmerwohnung bei Kanalmüller für 4 Personen, in der wir etwas mehr Platz hatten.Außerdem hatten wir dort einen Stall, in dem wir Kaninchen halten konnten.Wir nutzten auch die Gelegenheit, von gestoppelten Zuckerrüben Sirup zu kochen, wobei manche Nacht draufging.Mein Vater fertigte Holzpantoffeln und tauschte sie gegen Lebensmittel ein.Ich lief in den Sommermonaten immer in aus alten Autoreifen selbst gemachten Sandalen zur Arbeit, im Winter in Holzpantoffeln, längere Zeit auch den weiten Weg bis zur Heilstätte, die wir wieder renovierten.
Mein Bruder Jürgen hatte inzwischen auch eine Lehrstelle bei dem taubstummen Schneider Hübner erhalten, wo er sich aber nicht wohl fühlte.Sie war ihm vom Arbeitsamt zugewiesen worden, und er musste sie annehmen.Nach einem Jahr hatte er schon so viel gelernt, dass er mir aus einem eingetauschten alten Russenmantel eine wunderschöne warme Joppe für den Winter nähen konnte.Weil wir drei Männer keine Oberhemden hatten, nähte meine Mutter uns „Schmisetts“.Sie bestanden aus einem Stofflappen mit Kragen und aufgenähter Krawatte.Man sah damit beim Tanzen recht vornehm aus.Mit dem kulturellen Angebot war es in Müllrose nicht weit her.An manchen Samstagen war abends Tanz mit der Dreimannkapelle „Blitz“.Wenn in Müllrose kein Tanz war, sind wir zu Fuß die 5 bis 10 km zu den Dörfern Hohenwalde, Biegenbrück, Biegen oder Mixdorf gelaufen.Die Kapelle und deren Instrumente wurden vom jeweiligen Gastwirt per Pferdewagen abgeholt und wieder zurückgebracht.Einmal war bei Fröhlich am Markt schon am Sonntag gegen Nachmittag Tanz.Da haben uns die Russen dann mit Lastwagen weggeholt und zur Heilstätte gebracht, weil dort ein Waldbrand entstanden war, den wir mit Hilfe nasser Zweige löschen mussten.Einmal im Monat war bei Fröhlichs im Saal auch Kino.Meistens wurden russische Filme mit deutschen Untertiteln gezeigt.Besonders spannend war immer der Maskenball zu Silvester bei Lamms an der Schlaubebrücke, wenn um 24 Uhr die Masken abgenommen werden mussten.Schön waren auch die Tanzabende im Schützenhaus, obwohl es dort sehr eng war.Einige Bauernjungs brachten dorthin ihren selbstgebrannten Rübenschnaps mit und verteilten Kostproben.Wenn der Polizist zur Ausweiskontrolle kam, hüpften die jüngeren Jugendlichen schnell aus dem Fenster, denn es waren vorsorglich immer Wachen aufgestellt.Einige Jungs hatten mit gefundener Munition gespielt, wurden verraten und mussten zur Umerziehung für mehrere Jahre nach Russland.Am 1. Mai mussten wir jedes Jahr auf dem Marktplatz antreten und lange antifaschistische Reden anhören, aber den Nachmittag hatten wir wenigstens zur freien Verfügung...
Nach meiner Kündigung durch den Lehrherrn ergab eine Anfrage beim Arbeitsamt,dass in Müllrose keine Arbeit zu bekommen war, ich deshalb nach Aue im Erzgebirge in den Uranbergbau sollte.Daraufhin beschlossen mein Freund Edgar Witzke und ich, dass wir in den Westen gehen wollten.Meine Mutter war von meinem Plan begeistert, weil ihr eine Wahrsagerin prophezeit hatte, dass sie einen ihrer Söhne verlieren werde und sie Angst hatte, die Russen könnten mich eines Tages abholen.Mein Vater tobte: „Jetzt, wo du uns ernähren kannst, haust du ab.Aber verlaust und verdreckt wirst du eines Tages wieder nach Hause kommen.“Da mein Freund Edgar noch einige Wochen auf seine Gesellenprüfung als Zimmerer warten musste, meldete ich mich polizeilich zu meinem Onkel Fritz nach Kotzen bei Rathenow ab, habe mich dort aber nie wieder angemeldet.Kotzen war ein größeres Gutsdorf.Das Gut war in Siedlerstellen für Flüchtlinge mit je 20 Morgen Land aufgeteilt worden.Onkel Fritz und Tante Trudchen sowie Onkel Hermann und Tante Alma hatten je eine solche Siedlerstelle bekommen und wohnten mit anderen Familien zusammen in den großen Zimmern des nach dem 30jährigen Krieg erbauten Schlosses.Zur Bestellung der Felder hatten Onkel Fritz seinen Ochsen Anton und Onkel Hermann ein Pferd zugeteilt bekommen.Zum Pflügen wurden beide zusammengespannt.Später wurde das Schloss abgerissen, weil nichts mehr an die Junkerherrschaft erinnern sollte.Onkel Fritz baute sich im riesigen Pferdestall eine Wohnung aus und benutzte die übrigen Gebäudeteile als Stallungen und Scheune.Onkel Hermann riss die alte aus Lehm gestampfte Gutsscheune zur Hälfte ein und baute aus alten Ziegeln, Fenstern und Türen des Gutshauses ein Einfamilienhaus und einen Stall für Pferd, Kuh und Schweine.Mein Vater und ich waren öfter im Urlaub hingefahren, um beim Bau zu helfen.Dort hatte es wenigstens immer satt zu essen gegeben.Der gute Lehmboden lieferte bessere Erträge als der Sand in Müllrose.So half ich denn auch jetzt etwa vier Wochen lang dem Onkel Fritz bei den schweren Arbeiten, denn er war damals auch schon 63 Jahre alt.Er bot mir an, mir seine Siedlung zu vererben, verkaufen durfte er sie nicht.Doch ich lehnte ab, weil wir beide darauf nicht existieren konnten und ich ja auch andere Pläne hatte und etwas von der Welt sehen wollte.Einmal fuhr er mit dem Rad nach Neunhausen und trug mir auf, Anton anzuspannen und zum Kartoffelacker zu fahren, wohin er eine Frau bestellt hatte, die den Anton beim Anhäufeln führen sollte.Da er sehr spät zurückkam, hatte ich zusammen mit der Frau bereits angefangen, die Kartoffeln anzuhäufeln.Er staunte, dass der halbe Acker schon fertig war, wenn auch die Furchen nicht seinen Vorstellungen eines pommerschen Feldwebels entsprachen.Einige Jahre später haben Onkel Fritz und Tante Trudchen heimlich ihr Haus verlassen, um nach Westberlin zu flüchten, da sie aus gesundheitlichen Gründen die Arbeit nicht mehr schaffen konnten.Er hat dann eine gute Beamtenpension bekommen.
Go west
Inzwischen war auch mein Freund Edgar eingetroffen, und wir kauften die Fahrkarten nach Oebisfelde.Bis ganz an die Grenze konnten wir nicht fahren, weil dort die Bahnhöfe streng kontrolliert wurden.So stiegen wir eine Station vorher aus.Wir haben dann mit unseren Rucksäcken nachts den Weg zu Fuß gemacht und die Grenze erreicht, die damals noch von Russen mit Hunden kontrolliert wurde.Eine Grenzlinie war nicht zu erkennen, aber wir gingen immer in Richtung Westen.Als wir meinten, weit genug von der Grenze entfernt zu sein, legten wir uns übermüdet in eine Roggenstiege und schliefen.Anschließend fragten wir einen Mann, wo es zum Bahnhof gehe.Wir waren erleichtert, als er uns bestätigte, dass wir im Westen seien.Wir kauften uns eine Fahrkarte nach Hannover und wollten weiter zu meiner Cousine Ursel nach Hessisch Oldendorf.Dort schliefen wir eine Nacht auf dem Fußboden in der Küche, da sie zusammen mit ihrem Mann auch nur in einer kleinen Wohnung der Schwiegermutter lebte.Ihr Mann Alfred, der bei der Stadtverwaltung tätig war, klärte uns über die nötigen Formalitäten auf.Uns beim Durchgangslager Uelzen zu melden, habe keinen Zweck, da dort alles überfüllt sei und Niedersachsen keine Flüchtlinge mehr aufnähme.Bessere Aussichten hätten wir in Wipperfürth, da im Rheinland bessere Arbeitsbedingungen gegeben seien.Auf dem Wege dorthin wollten wir noch in Warendorf Tante Else, eine Cousine meiner Mutter, und Onkel Adolf besuchen.Sie waren bei einem Bauern untergekommen.Onkel Adolf, früher Hauptmann bei der berittenen Polizei, schlief in der Knechtekammer auf der Diele über dem Pferdestall.Tante Else hatte ein Bett in der Mägdekammer.Da die Polizei ihn nicht wieder einstellen wollte, ging er vorzeitig in Pension.Nachdem wir mit Butterbroten und etwas Fahrgeld versehen worden waren, fuhren wir am nächsten Tag nach Wipperfürth.Unterwegs musste ich im Zug wohl eingeschlafen sein.Jedenfalls war meine Brieftasche aus der Joppe weg!Anständigerweise hatte der Dieb meinen Gesellenbrief zu meinen Eltern nach Müllrose geschickt.Im Lager Wipperfürth wurden wir registriert und bekamen einen Westausweis.Wir schliefen in einem großen Saal auf Strohsäcken.Wenn wir zu Behörden mussten, hat immer einer von uns auf die Rucksäcke aufgepasst, die wir nachts unter dem Kopf hatten.Auf dem Arbeitsamt sah es für Handwerker schlecht aus.So blieb nur die Arbeit in der Landwirtschaft.Nach zwei Tagen nahmen wir dann eine angebotene Stelle bei einem Bauern in Oberdrees bei Rheinbach im Bonner Raum an.Wir waren enttäuscht, dass Rheinbach so weit vom Rhein weg war.
Bauernknecht
Am 13. Mai 1949 kamen wir auf dem Bahnhof in Rheinbach an und liefen mit unserem Rucksack nach Oberdrees, wo ich mich auf dem Bauernhof K... meldete.Meine Unterkunft war eine unbeheizte Kammer über dem Schweinestall.Das Mobiliar bestand aus einem Bett, einem Schrank und einer alten Treckerbank.Gewaschen habe ich mich unter dem kalten Wasserahn in der Waschküche.Samstags wurde im Schweinestall eine Holzwanne aufgestellt, ein Kessel Wasser heiß gemacht, und man konnte zu einer festgesetzten Zeit baden.Frau K... war Witwe.Ihr Mann war in den letzten Kriegstagen mit dem Trecker auf eine Miene gefahren.Ihr Sohn Joseph war etwas jünger als ich und spielte den Chef.Außerdem waren noch die beiden Töchter im Hause.Die ältere Tochter war Kriegerwitwe und hatte ihren Hof in der Altmark verloren, die jüngere war mit einem Gutsbesitzer aus dem Nachbardorf befreundet und hoffte, dass er sie heirate.Zur „Herrschaft“ gehörte auch noch ein entlassener Soldat aus Ostpreußen.Sein Vater war früher Hotelbesitzer gewesen, und er hatte während des Krieges dort im Quartier gelegen.Die Herrschaft aß die Mahlzeiten im Wohnzimmer und wenn abgeräumt wurde, bekamen wir, Anna und ich, manchmal auch noch Arbeiter aus dem Dorf in der Küche unser Essen.Anna war Flüchtling aus Schlesien und hatte einen fünfjährigen Jungen, der von einem Russen stammte.Ich hatte morgens die vier Pferde zu putzen und zu füttern.Es waren schwere Belgier, die hart arbeiten mussten, besonders beim Pflügen auf dem schweren Lehmboden. Anschließend gab es Frühstück.Nach dem Frühstück fuhren wir auf die Felder, um Futter für die Kühe zu holen.Die Felder lagen sehr weit auseinander, da Frau Kleefuß mehrere Hektar mit in die Ehe gebracht hatte.Die Kühe standen das ganze Jahr über im Stall, und das Jungvieh lief auf dem Misthaufen herum und wurde dort gefüttert.Es gab einen leichten Trecker, der aber nur zum Mähen des Futters gebraucht wurde.Das Gemenge, Klee und Seradella, mussten wir zusammenharken und auf einen einachsigen Wagen laden, der auf dem Hof abgekippt wurde.Wenig begeistert war ich von der Arbeit des Rübenverziehens.Es wurde mit der Hacke vorgearbeitet und dann auf den mit alten Säcken umwickelten Knien verzogen und nur eine Rübenpflanze stehen gelassen.
Sonntags gingen Edgar und ich zu Fuß nach Rheinbach zur Kirche.Die evangelische Kirchengemeinde war mit ihren Gottesdiensten in einer kleinen Klosterkapelle zu Gast.Inzwischen hatten wir uns aus alten Teilen ein Fahrrad zusammengebaut und beschlossen, an den Rhein zu fahren.Wir landeten in Remagen, wo mehrere Rheinschiffe am Ufer lagen und auf Schleppdampfer warteten.Ich fragte einen Schiffer, ob er nicht einen Matrosen gebrauchen könne.Er sagte ja, aber dann müsse ich spätestens in zwei Tagen anfangen, weil dann der Dampfer käme.Auch für Edgar war auf dem Nachbarschiff eine Stelle frei geworden, und wir fuhren glücklich nach Oberdrees zurück.Als ich kündigte, gab es mit Jupp Kleefuß eine handgreifliche Auseinandersetzung, die seine Mutter aber dann schlichtete.Ich nahm Abschied von meiner Kammer mit den russischen und polnischen Beschriftungen an der Holzwand und schrieb an einer freien Stelle das Goethe-Zitat hinzu: „Wer mit dem Leben spielt, kommt nie zurecht, wer sich nicht selbst befiehlt, bleibt immer Knecht.“Dann fuhren wir mit dem Bus nach Remagen, weil Jupp mir das Rad weggenommen hatte.
Rheinschiffer
Mein Schiff hieß „Helene“, war etwa 70 Jahre alt und konnte 1.200 Tonnen laden.Da es mehrere Helenen gab, musste der Heimathafen Altrip, ein kleines Dorf am Oberrhein, hinzugefügt werden.Es gehörte einem Reeder in Gernsheim, der es von seiner Mutter Helene geerbt hatte.Diese Schiffseigner nannte man im Gegensatz zu den großen Reedereien mit mehreren Schiffen Partikuliere.Im hinteren Teil des Schleppkahns wohnte Schiffmann Otto Müßig aus Hasmersheim am Neckar mit seiner Frau, und vorne wohnte ich zusammen mit dem Matrosen Wilhelm Trunk aus Bad Dürkheim, wo auch seine Familie lebte.Die Arbeit war sehr vielseitig, und ich habe viel Neues hinzugelernt.Wir kochten beide immer wöchentlich abwechselnd.Ich wurde wegen der Größe des Schiffes zwar als Matrose geführt, bekam aber nur den Lohn eines Schiffsjungen.Die erste Zeit gab es noch Lebensmittelmarken, aber bald konnte man alles frei kaufen – wenn man Geld genug hatte.Ich war ein Jahr auf der „Helene“ und bin siebenmal den Rhein rauf und runter gefahren und interessierte mich für alle Städte und Burgen, die ich vom Schiff aus sah.Wir haben in Duisburg oder manchmal auch in einem Kanalhafen Kohle geladen.Öfter mussten wir wegen der niedrigen Brücken das Steuerhaus abbauen.Es waren schlechte Zeiten für die Schiffer, und wir haben oft drei Wochen auf Ladung gewartet.Dann wurden wir von einem kleinen Hafendampfer auf den Rhein geschleppt und haben dort Anker geworfen, bis genügend Schiffe für einen Schleppzug beisammen waren.Es kam dann der Raddampfer vorbei und gab jedem Schiff ein Schleppseil, das an den vorderen Pollern festgemacht wurde.Wenn der Dampfer dreimal tutete, ging die Fahrt los, und wir mussten den Anker hochwinden.Nachts ruhte der Verkehr auf dem Rhein. Tagsüber musste ich entweder steuern, anstreichen oder zusammen mit dem Matrosen mit Hilfe eines Eimers an einer Leine und eines Schrubbers das Deck waschen.Ich lernte Backbord und Steuerbord zu unterscheiden, in Steuerbord ist ein r enthalten, also rechts in Fahrtrichtung mit grünem Licht.Außerdem war der Schlager populär: „Das rote Licht an Backbord ist die Liebe, das grüne Licht an Steuerbord das Glück“So ging die Fahrt bis St. Goar, wo wegen der Hungersteine im Fahrwasser ein Lotse an Bord kommen musste.Er fuhr bis Kaub mit, wo durch das Binger Loch ein anderer Lotse an Bord kam.Dabei erfuhren wir immer Neuigkeiten, da wir an Bord weder Zeitungen noch Radio hatten.Es waren 1949 und 1950 sehr heiße Sommer und der Rhein führte wenig Wasser, so dass wir das Schiff nicht voll beladen konnten.Normalerweise hat der Rhein auf 100 m einen Meter Gefälle.Im Binger Loch beträgt das Gefälle jedoch auf zehn Meter einen Meter.Da wurde der Schleppzug aus etwa sechs Schiffen geteilt, oder wir bekamen einen zweiten Dampfer als Vorspann.In die zwei Felsbarrieren beim Mäuseturm am Binger Loch hat man für die Bergfahrt zwei Löcher von 10 m Breite gesprengt.Die Talfahrt ging nebenan durch das „Neue Fahrwasser“, wegen der besseren Steuerungsmöglichkeit immer mit vier Schiffen gleichzeitig, jeweils zwei parallel aneinander vertäut.Einmal hatte sich das Schiff vor uns losgerissen, weil sich ein Seil in unsichtbaren Brückentrümmern verfangen hatte.Unser Kahn bekam am Bug eine Beule und musste für mehrere Wochen in eine Werft.Im Winter hatten wir immer genug Kohle zum Brennen an Bord.Manchmal tauschten wir auch welche bei Winzern gegen Wein ein.Neujahr lagen wir in Gernsheim, und ein Matrose von einem anderen Schiff unseres Reeders nahm mich mit zu sich nach Hause.Dort gab es Wellwurst und jungen Wein, dessen Wirkung ich noch nicht kannte.Es ist mir heute noch ein Rätsel, wie ich die schmale Planke ohne Geländer wieder heil an Bord gekommen bin.Da wir wegen des Eisgangs nicht fahren konnten, musste ich draußen bei 10° Kälte Rost klopfen.Ich lebte sehr sparsam und wollte mir endlich meinen ersten Anzug kaufen.Da das Geld aber nicht reichte, gab mir der Schiffsmann einen Vorschuss, den ersten in meinem Leben.Ich hatte zeitweilig auch einen Hund zu versorgen, der mir zugelaufen war, aber eines Tages auch wieder verschwand.Bei einem Gespräch mit dem Schiffer eines in Duisburg neben unserem liegenden Schiffes bot der mir höheren Lohn an.Der Schiffer der Helene meinte, ich müsse erst noch die Reise bis Ludwigshafen mitmachen, weil er so schnell keinen Ersatz bekomme.Von Ludwigshafen aus bin ich dann mit dem Zug nach Duisburg zurückgefahren und musste auch noch für meinen Hund den halben Fahrpreis entrichten.Dort sagte mir dann jedoch der Schiffer, dass er mich nun so schnell doch noch nicht gebrauchen könne.Da stand ich nun ohne Wohnung und ohne Arbeit.Einige Nächte kam ich bei Verwandten eines Matrosen auf dem Sofa in der Küche unter.Dann lernte ich einen Matrosen kennen, der beschlagnahmte belgische Schiffe in einem abgelegenen Hafenbecken bewachte.Der bot mir an, dass ich auf einem dieser Schiffe übernachten könne, wenn ich ihm etwas bei seiner Arbeit hülfe.Ich ging jeden Tag zum Arbeitsamt und fragte nach einer freien Stelle.
Eines Tages hatte ich Glück und konnte auf dem Hafendampfer „Luise“ von Ruhrort anfangen,einem schon reichlich betagten Schiff von etwa 80 Jahren.Es gehörte dem Reeder Hermann Kawater.Der stand den ganzen Tag zusammen mit anderen Reedern vor dem Haus des Schifferbetriebsverbandes und wartete auf eine Schleppfahrt.Vorne im Schiff war die Kapitänskajüte des Kapitäns Laux.Er benutzte sie aber nur zur Mittagsruhe, da er nachts zu Hause schlief und jeden Morgen mit dicker Aktentasche an Bord kam.In der Tasche hatte er sein Kochgeschirr und die Brote für den Tag.Man nannte diese Sorte Schiffsführer immer etwas herablassend „Henkelmannkapitäne“.Ansonsten saß er fast den ganzen Tag zusammen mit anderen Kapitänen in einem der Steuerhäuser und diskutierte.Wir beide hatten öfter Meinungsverschiedenheiten, da mir sein herablassender Kommisston nicht gefiel.Mit dem Maschinisten Grundmann verstand ich mich gut.Er war früher auf großen Dampfern in der ganzen Welt herumgekommen und konnte spannend erzählen.Er wohnte außerhalb von Duisburg und kam jeden Tag mit einem Moped zur Arbeit.Am Markttag hatte er einen Anhänger mit Gemüse dahinter und brachte auch seine Frau mit, denn sie hatten zu Hause eine Gärtnerei.Der Maschinist erklärte mir die vielen Leitungen und Ventile, und einmal haben wir eine Nacht lang die ganze Dampfmaschine auseinandergenommen, weil ein Lager erneuert werden sollte.Am nächsten Tage musste das Schiff ja wieder fahrbereit sein.Meine Aufgabe war es, die Kohle zu beiden Seiten des Kessels vorzuholen und ins Feuerloch zu werfen, damit immer genug Dampf vorhanden war.Eine Toilette gab es auf der Luise nicht.Das Geschäft wurde auf der Kohlenschippe erledigt und dann ins Feuer geworfen.Wenn wir im Hafen lagen, musste ich das Schiff mit Schrubber und Wassereimer waschen oder mit Teer oder Farbe streichen.Wenn wir schleppten, musste ich die Schleppseile einhängen, beim Steuern helfen und vor den Brücken den Schornstein schnell umlegen und anschließend wieder hochziehen, damit nicht zu viel Rauch ins Steuerhaus kam.Viel zu fahren gab es in den ersten Nachkriegsjahren nicht, gelegentlich mal ein Kiesschiff von der anderen Rheinseite oder ein Kohleschiff aus den Rheinhäfen.Unseren größten Auftrag hatten wir in Wesel, wo wir den Engländern beim Manöver halfen, als sie eine Pontonbrücke über den Rhein bauten.Als an einem Sonntag die Arbeit ruhte, packte mich die Abenteuerlust, und ich bin über den Rhein geschwommen, der hier bei Wesel ziemlich breit war und eine starke Strömung hatte.Bei Mainz hatte ich den Rhein schon einmal schwimmend überquert.Die Abende alleine an Bord waren ziemlich öde für mich.Ich bin dann manchmal nach Duisburg gelaufen und habe mir Schaufenster angesehen und mir ein Bier getrunken.
Auf der Walz
Nachdem ich ein Jahr lang den Rhein kennen gelernt hatte, interessierte mich auch die Nordsee.Ich wusste allerdings nicht, dass es mit Arbeit in Niedersachsen und Schleswig-Holstein wegen der vielen Flüchtlinge viel schlechter aussah, als im Ruhrgebiet.
So kaufte ich mir für 20 DM ein gebrauchtes Fahrrad und fuhr in Richtung Norden los, pro Tag etwa 20 km.Nach einigen Tagen war der Hinterradreifen hinüber.Ich wog ja nicht viel, aber der schwere Rücksack drückte hinten auf das Rad.Geld hatte ich nicht, aber noch eine Büchse Kakao, die mir ein englischer Soldat während unseres Manövereinsatzes in Wesel geschenkt hatte.In jedem Ort zeigte ich bei den Tischlern meinen Gesellenbrief vor und fragte nach, ob sie Arbeit für mich hätten.
Wenn sie keine Arbeit hatten, bat ich um eine Scheibe Brot und ein Zehrgeld, wie es Handwerksbrauch war.Meistens bekam ich eine oder zwei Mark.Nachts schlief ich in Roggenstiegen, denn es war ein warmer Sommer, oder auch mal in einem Spritzenhaus, wo immer einige Pritschen vorhanden waren.So kam ich bis Cuxhaven, wo ich in der Jugendherberge Unterkunft fand, die damals in der Festung Kugelbake untergebracht war.Ich besuchte dann meine Cousine Gerlinde Arndt, die inzwischen von Berlin nach Cuxhaven umgezogen war und hier den Segelmacher Herbert Blohm geheiratet hatte.Durch die Heirat und wegen ihrer Tochter Ingrid hatten sie eine klitzekleine Neubauwohnung erhalten, denn Cuxhaven war als ehemaliger Hauptmarinestützpunkt größtenteils zerstört gewesen.Auch im Hafen sah es traurig aus, da die Schiffe entweder versenkt oder an die Engländer abgeliefert worden waren und die Werften nur die nötigsten Reparaturen durchführen durften.Für alles mussten die Engländer ihre Genehmigung erteilen.Gerlinde begleitete mich noch zur Elbfähre nach Brunsbüttel und schenkte mir das Fahrgeld.Auf der anderen Elbseite fuhr ich mit der Kanalfähre über den Nordostseekanal, von dem wir im Erdkundeunterricht einen Film gesehen hatten, in dem mich besonders die 30 m hohe Eisenbahnhochbrücke bei Rendsburg mit ihrer Schleife beeindruckt hatte. In einem Ort gefiel mir ein Kriegerdenkmal auf dem Markt mit dem Spruch: „Wanderer, der du hier verweilst, falte still die Hände, denke, eh du weitereilst, einmal an dein Ende.Suchst du eigenen Gewinn, wirst du rastlos wandern.Diese gaben alles hin für die Not der Andern.“Auch vom Freiheitskampf der Dittmarscher Bauern gegen die Eiserne Garde des Erzbischofs von Bremen hatten wir im Geschichtsunterricht gehört, und so besuchte ich die „Dusenddüwelswarft“.So kam ich bis Heide, wo eine Schwester und die Mutter meiner Tante in Hohenwalde wohnten, die ich schon in Müllrose kennen gelernt hatte.Dort machten wir mit den Fahrrädern Ausflüge zu den Kögen im Wattenmeer und zum Großsteingrab in Albersdorf, von denen ich schon im Erdkundeunterricht gehört hatte.In Friedrichsstadt, einer freundlichen Holländersiedlung, hatte es mir die Pumpe auf dem Marktplatz angetan, die auf jeder Seite einen Spruch trug.In Erinnerung geblieben ist mir: „Drink all dag Water und holt sik rin, so ward sik de Engeln in Himmel frien.“Dann fuhr ich weiter nach Husum, wo ich mich für Theodor Storm und das Nissenmuseum, das ein reich gewordener Auswanderer seiner Heimatstadt gestiftet hatte, interessierte.Von Husum radelte ich nach Flensburg an die Ostsee und fand eine schöne, völlig unzerstörte Stadt.Hier war der Krieg mit der Kapitulation durch Dönitz zu Ende gegangen.Ich fuhr wieder in Richtung Süden und kam nach Rendsburg, wo es mir das Lornsen-Denkmal antat, das nach dem deutsch-dänischen Krieg 1864 errichtet worden war.Als Küstriner Schüler hatten wir viel von Pionier Klinke gehört, der sich bei der Erstürmung der Düppeler Schanzen selber mit dem Pulver in die Luft gesprengt hatte, weil man vergessen hatte, eine Lunte mitzunehmen.Jetzt musste ich wieder über den Kaiser-Wilhelm-Kanal und benutzte dazu die Hängefähre unter der Eisenbahnbrücke.Bis auf den heutigen Tag sind alle Kanalfähren kostenlos zu passieren, weil der Kanal bei seiner Erbauung die bestehenden alten Straßenverbindungen durchtrennt hatte.So landete ich schließlich in Hamburg.Aber die Stadt war damals noch ein einziger Trümmerhaufen.Die dortige Jugendherberge war ein Dreckstall.Als ich mich beim Herbergsvater darüber beklagte, entgegnete er mir, ich solle mich an die Stadtverwaltung wenden, die zögere einen geplanten Neubau seit Jahren hinaus.Hamburg hielt mich nicht lange.Ich fuhr weiter südwärts nach Hannover.Unterwegs lernte ich einen Kumpel kennen, der mir zeigen wollte, wie man schneller vorankommt, indem man sich an die damals noch recht langsam fahrenden Lastautos anhängt.Nach etwa zwei Stunden hatte ich ihn überholt, weil sich inzwischen die Polizei mit ihm unterhielt.Hannover war auch schwer zerstört und gefiel mir auch nicht.So kam jetzt der für mich schwierigste Teil meiner Wegstrecke über den Deister, wo ich mein Rad viele Kilometer bergan schieben musste.Bis nach Springe ging es dann wieder bergab, und dann kam kurz vor Altenhagen noch mal ein kleiner Berg.Ich schob mein Rad durch das Dorf Altenhagen I, das am Hang des Kleinen Deisters lag und suchte nach Tischlereien.
Wieder sesshaft
Ich wollte wieder meinen Spruch aufsagen, als Tischlermeister H. P. mir entgegnete, er wolle noch einen Gesellen einstellen.Einige Wochen schlief ich über der Werkstatt im Stroh und ging dem Bürgermeister wegen eines Zimmers laufend auf die Nerven.Eines Tages erhielt ich ein kleines Dachzimmer bei Familie Hölscher in der Siedlung außerhalb des Dorfes für 10 DM Miete monatlich.Die Siedlung war zwar der Wasserleitung angeschlossen, aber der Druck reichte selten.Ich begann, meinen Hausstand einzurichten.Von der Gemeinde bekam ich ein Bettgestell und einen Strohsack.Vom Kaufmann erbettelte ich zwei leere Marmeladeneimer, einen für Trink-, den anderen für Schmutzwasser.Nach der Arbeit ging ich an den Bach, der vom Katzberg herunterkam, schöpfte mit einer Konservendose Wasser und goss es durch ein Tuch in meinen Eimer, damit nicht zu viele Wassertierchen in meinen Haushalt kamen.Ich kaufte mir zwei billige Wolldecken, nähte sie zusammen und stopfte sie mit Hobelspänen zu einer wärmenden Zudecke, die natürlich mächtig staubte.Mein Stundenlohn war nach „Haustarif“ festgesetzt und belief sich auf 72 Pfennig, weniger als der Lohn einer Fabrikarbeiterin, die in den Stuhlfabriken 75 Pf bekamen.Mittagessen erhielt ich bei der Mutter und Schwester des Meisters, die einen gemeinsamen Haushalt führten.Dafür ging schon über die Hälfte meines Verdienstes weg.Die Tochter meiner Wirtsleute wollte heiraten und versuchte, mein Zimmer für sich frei zu bekommen.Sie wollte mir allerhand „gute Partien“ unter den Dorfschönheiten schmackhaft machen, teilweise mit der Aussicht, später ein Haus erben zu können.Aber die Damen arbeiteten alle in den Forstpflanzungen des Nesselberges und hatten keinerlei geistige Interessen.Vater Hölscher hatte es tatsächlich geschafft, mir ein neues Zimmer im Dorf zu besorgen.So zog ich zur Familie Ernst in eine neue Bleibe von stolzen 6 m² mit Steinfußboden.Mein Wasser musste ich aus einem unterirdischen Kellerbrunnen vom Nesselberg her holen.Es war wenigstens sauber.Die Miete betrug ebenfalls 10 DM monatlich.Die Zahlung wurde in einem Heft quittiert.Da ich mir inzwischen ein kleines Radio angeschafft hatte, musste ich noch 2 DM Stromgeld extra zahlen.An den Sonntagen fuhr ich mit dem Fahrrad zum Saupark nach Springe, nach Hameln an die Weser oder zu meiner Cousine nach Hessisch-Oldendorf.Nicht weit entfernt waren auch Bad Münder und der Süntelturm. Es war gerade die Zeit, als auf einer Kuhweide die Romelquelle entstanden war und munter sprudelte.So fuhr ich jeden Tag nach der Arbeit mit dem Rad und mehreren Flaschen die Feldwege über den Katzberg nach Bad Münder und holte „Heilwasser“ für mich und die Verwandtschaft des Meisters.Niemand wusste jedoch genau, wofür oder wogegen es half.Ich erfuhr auch, dass aus dem Sandstein des Nesselberges das Leineschloss in Hannover und die Reichskanzlei in Berlin erbaut worden waren.Durch den Wiederaufbau waren damals noch mehreren Steinbrüche in Betrieb, und ein reger Verkehr ging durch die engen und winkeligen Dorfstraßen.Die Tischlerei Püster stellte mit 7 Mann Belegschaft runde, mit Eiche furnierte Ausziehtische her, ein beliebtes Möbelstück bei den damals überall noch engen Wohnverhältnissen.Wir belieferten damit einen im Nachbardorf Hachmühle tätigen Großhändler.Ich musste tagelang nur Tischbeine oder Tischplatten oder runde Zargen mit Eiche furnieren, eine geisttötende Arbeit.Nachdem ich den Meister mehrmals vergeblich um Lohnerhöhung gebeten hatte, trat ich der Gewerkschaft bei und bekam dann auch meinen Tariflohn von 84 Pf.