Band 32
 

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Thomas Illés d. Ä.

Urlaub auf dem Segelboot im Mittelmeer

Thomas Illés erzählt in seinem Band 31 aus seinem und seiner Frau jahrelangem Leben als Langzeitsegler unter mediteraner südlicher Sonne. Urlaub ohne Kofferschleppen auf dem eigenen Segelboot war sein Traum. Freud und Leid des Alltags in Marinas, auf Ankerplätzen und in Bootswerften in Tunesien, auf den Balearen und auf Sardinien, auf kurzen und längeren Segeltörns im westlichen Mittelmeer werden ausführlich geschildert.

Die Reiseberichte und Tipps des erfahrenen Skippers in diesem Band können allen, die von ähnlichen Träumen inspiriert sind, dazu verhelfen, die Realitäten besser einzuschätzen.

Band 32 in der gelben Buchreihe „Zeitzeugen des Alltags“


Fortsetzung des Textes aus Band 31

Nun warten wir einmal mehr auf guten Wind. Zum Glück ist hier die Liegegebühr erstaunlich billig...

... und fast eine Woche später warten wir immer noch, mittlerweile nicht mehr allein. Seit ein paar Tagen liegt eine Santorin neben uns (das ist die größere jüngere Schwester von unserer Amel Sharki) mit einem französischen Paar; sie wollen auch nach Monastir, auf einer etwas anderen Route zwar, aber den vorherrschenden Südost können sie auch nicht brauchen. Das ist gut für die Stimmung, Therese erträgt die Warterei schlecht, da bekommt sie nun moralische Unterstützung. Der Franzose spricht übrigens recht gut Deutsch, so kann ich auch hie und da einige Worte wechseln; Therese bestreitet aber den Löwenanteil an Konversation. Heute Morgen sagte ihr der Nachbar, dass die Fischer gegen zehn einlaufen, meistens kann man da frischen Fisch kaufen. Sie ging also hin, kam bald mit einem Plastikeimer zurück. „Stell dir vor“, erzählte sie, „ich wollte zwei kaufen, das ging ihm aber überhaupt nicht in den Kopf. Zwei gäbe man doch dem Kind, ein bisschen mehr müsse ich schon nehmen, sagte der Fischer.“ – So wurden es acht Stück. Der Franzose hat ihr sofort erklärt, wie sie am besten zubereitet werden sollten, nämlich im Ofen, mit viel Olivenöl, Zwie­beln, Tomaten und etwas Weißwein, plus natürlich Salz und Pfeffer.

So viele Wetterberichte waren noch nie gespeichert im PC. Täglich zwei in Textform und drei Wetterkarten. Das Seegebiet, das wir nächstens befahren müssen, wird vom Deutschen Wetterdienst nicht sehr gut abgedeckt, die Fünftage-Windprognose erwähnt nur die angrenzenden Gebiete, südlich von Sardinien gibt es nur im Zweitägigen, so nehme ich jeweils beide auf. Die Wetterkarte ist vor allem wichtig wegen eventuellen Fronten, aber auch zum besseren Verständnis des ganzen. Therese hört dazu noch zweimal täglich den italienischen auf dem Seefunkkanal 68. Es gibt also genug zu tun – wir sind aber froh um die guten Windprognosen. Wir rechnen bis Pantelleria mit etwa vierzig Stunden, das vorwiegend unter Maschine wäre nicht gerade schön – aber stärkeren Wind genau auf die Nase könnten wir noch weniger brauchen, Sturm schon gar nicht. Wenn man mal draußen ist, muss man es nehmen, wie es kommt, da lohnt es sich schon, ein paar Tage, notfalls sogar ein, zwei Wochen zu warten. In der letzten Nacht hat es übrigens etwas geregnet, jetzt am Mittag gibt es kaum Wind und es ist sommerlich warm, neunundzwanzig Grad.

53. Maschinenschaden

Am Freitag war es soweit. Die Prognosen versprachen brauchbaren Wind, weit und breit keine Sturmgefahr, wir hatten eingekauft und vorgekocht und alles richtig verstaut, warme Klamotten für die Nacht bereitgelegt, den GPS programmiert – und einiges mehr. 16:58 Uhr, Maschine an, Leinen los. Nach dem ersten Waypoint außerhalb des Hafens Kurs 128 Grad Richtung Pantelleria, rund zweihundert Meilen, vierzig Stunden. Der Wind schien ideal zum segeln – und dann ging der Presslufthammer los im Maschinenraum. Oder das Maschinengewehr. Oder – solche Sachen gibt es da nicht – sonst irgendetwas was auf gar keinem Fall hätte sein dürfen. Was zum Teufel... Gas weg. Maschinenraumdeckel auf. Gucken, horchen. Wir sahen nichts Ungewöhnliches und konnten die Ursache dieses hämmernden, klopfenden Geräusches nicht identifizieren.

Scheiß drauf! Wir setzen die Segel, stellen die Maschine ab und fahren durch nach Monastir! - Den Gedanken habe ich genau so schnell verworfen wie er kam. Im Zweifelsfalle tue man das Richtige. „Wir kehren um und fahren zurück in den Hafen.“ Therese, die sonst gerne über alles diskutiert, sagte zwar nicht „Ay ay Sir!“ aber irgendetwas, was dem recht nahe kam. Wenigstens in Krisensituationen gilt mein Wort noch etwas auf diesem verdammten Kahn – nur zu gern hätte ich auf diese Ehre verzichtet.

Es war Freitagabend – nicht die Zeit also, wo Handwerker scharf auf Aufträge sind. Massimo, der nette, hilfsbereite Hafenmeister rief den Mecanico zwar Samstag früh an, er sagte nicht einmal nein, sondern vielleicht. Was allerdings nicht nur in der Sprache der Diplomaten nein bedeutet...

Sonntag pilgerten wir auf den Markt. Hier hocken und Trübsal blasen hätte wohl keinen Sinn gehabt. Der Besuch auf dem Markt erwies sich zwar auch nicht sehr sinnvoll, er liegt in einer recht öden Gegend und ist auch sonst nicht so toll, wir haben uns aber wenigstens etwas bewegt. Am Nachmittag nahmen wir Fifi aus dem Wasser und unterzogen ihn einer gründlichen Reinigung; nötig hatte er sie. Und ab Montag nahmen wir die zweithäufigste Tätigkeit der meisten Langzeitsegler auf: warten auf die Meister. Dienstagmorgen kam er kurz, entschuldigte sich, dass er nicht früher konnte, hörte sich unsere Klage an und versprach, um halb vier wiederzukommen. Wir sollen dann bereit zum Auslaufen sein, er wolle sich dieses Klopfen in Fahrt anhören.

Mit nur zehn Minuten Verspätung – italienischer Landesrekord – kamen sie sogar zur zweit. Der Kollege schien noch erfahrener. Rausfahren mussten wir gar nicht, das Klopfen war diesmal schon im Leerlauf nicht zu überhören. Sie demontierten den Deckel des Ventiltriebes und sagten, ich solle die Maschine starten. Wenn sie meinen – ohne sie hätte ich mich nie getraut, das ohne Deckel zu machen. Nach längerem Suchen, ich musste mehrmals starten, abstellen, etwas Gas geben, nahmen sie an, der Fehler müsse irgendwo im Zylinderkopf liegen, was genau, könne man aber erst feststellen wenn dieser demontiert sei. Morgen Nachmittag soll die Operation stattfinden.

Am Zylinderkopf ist so ziemlich alles angeschlossen, was an so einer Maschine überhaupt angeschlossen werden kann: Ansaugrohre für die Verbrennungsluft, Auspuffkrümmer, Kühlwasser, Dieselölleitungen zu und von den Einspritzdüsen. Die Demontage wäre also auch an einem Auto in der Werkstatt mit ziemlich viel Arbeit verbunden, im engen Maschinenraum einer Segelyacht, wo kein Flaschenzug vorhanden ist, man sogar kaum Platz für beide Füße zum Stehen hat, war es noch viel schwieriger. Therese versorgte Tonino mit Mineralwasser, Putzlumpen, Zeitungspapier und guten Wor­ten, und am Ende eines langen Nachmittages schob er endlich einen Einkaufswagen voll Maschinenteile in Richtung seiner Werkstatt vom Steg.

Zwei Tage später kamen sie wieder zur zweit. Der Andere ist kein Kollege sondern der älteste Bruder, sechsundsiebzig Jahre alt, was wir ihm nie gegeben hätten, Tonino der jüngste, „nur“ achtundfünfzig. Es lag also nicht an jugendlicher Unerfahrenheit, dass sie im Zylinderkopf die eigentliche Ursache dieses hämmernden Geräusches nicht entdeckt hatten, der Kopf wäre wieder zusammengebaut, schadhafte Teile ersetzt. Nun soll die Maschine mit einem Kran rausgehoben werden, damit sie die im eingebauten Zustand nicht zugängliche Teile auch inspizieren können. Die Maschine zeige im Übrigen für eine neu revidierte sehr viele Verschleißerscheinungen. Ob uns Jean-Paul schlicht beschissen hat? Ob es am tunesischen Motorenöl lag, die wir ach so billig eingekauft haben? Schicksal? Pech?

Therese wird nun einmal mehr von Verarmungsängsten geplagt – und überlegt im gleichen Atemzug, ob wir nicht doch eine neue Maschine kaufen sollten. Ach, ist sie herrlich unlogisch, ich liebe sie!

23. Oktober; heute vor fünfundvierzig Jahren erhob sich das ungarische Volk gegen die Sowjetmacht. Es war ein schöner Herbsttag... Hier und jetzt ist es auch ein schöner Herbsttag, blauer Himmel, kaum Wind, wunderbare Fernsicht, wärmer sogar als damals in Budapest, kurze Hose und T-Shirt reichen noch. Noch – es könnte aber jeden Tag ändern, Herbststürme werden wahrscheinlicher und die Nächte ganz sicher länger, kälter, feuchter. Es sind die Tage, wo vernünftige Mittelmeersegler ihr Schiff definitiv für den Winter festmachen.

Der Zylinderkopf ist immer noch in der Werkstatt, der Rest der Maschine aber immer noch nicht. Sie ist zwar weitgehend für den Ausbau vorbereitet. Ihre elektrischen Eingeweide hängen aus der seitlichen Zugangsöffnung wie Organe eines schwerverletzten Science-Fiction-Wesens. Nun gilt es, auf das seltene Ereignis zu warten, wo der Mechaniker und der Kranführer gleichzeitig Zeit haben. Das zu koordinieren in einem Land, wo der Gebrauch von Uhr und Kalender nicht zum Lebensstil gehört, ist nicht ganz einfach.

Therese gibt in unregelmäßigen Abständen eine Art Italienischunterricht an Ginette und Philip, dem sympathischen englischen Seglerpaar, sie möchten, dass wir hier bleiben. Massimo bot uns von sich aus einen Platz an für die kommenden Monate. Kultur, Lebensart, Sprache, Umgangsformen sind uns tausend Meilen näher als die arabischen...

Hansjörg und Helen freuen sich schon auf das Wiedersehen in Monastir – wir auch. Einen Teil der Liegegebühr hatten wir dort schon bezahlt, ein zweites Mal können wir die Marinaleitung nicht auf nächstes Jahr vertrösten. Auch das Leben dort wäre billiger...

Wir überlegen hin und her. Falls wir einen Heimaturlaub machen würden, hätten wir wiederum von hier aus sicher bessere, verschiedene Möglichkeiten. Andererseits wären wir mit gutem Wind in zwei Tagen und Nächten in Monastir, es wäre eine schöne Strecke – wenn Neptun uns wohlgesinnt wäre.

Samstag gab es ein Fest vorne unter dem lustigen Zelt, das hier Büro, Clubgebäude und Aufenthaltsraum ersetzt. Es war gar nicht klar, wer eingeladen hat, das sieht man hier nicht so eng, es war aber ein schöner Abend. Mehr oder weniger integriert zu sein bei den Einheimischen – zumindest einheimischen Seglern – ist auch nicht zu verachten. Unsere Kontakte mit der tunesischen Bevölkerung haben sich strikt auf das rein Geschäftliche beschränkt und waren nicht immer erfreulich – die aufdringliche „Direktwerbung“, allgegenwärtige Unprofessionalität, die unverschämte „Kundinnensuche“ männlicher Prostituierter oder sonstiger Arschlöcher.

Beschluss: Wir bleiben hier!

54.

Rinaldo – so heißt der Schweizer Segler, den wir neulich an dem Fest kennengelernt haben – hat uns zu einem Bier eingeladen. Wir dürfen jederzeit kommen, er selber könne ab elf Uhr Bier trinken und wann es elf sei, das bestimme er, fügte er hinzu. Uns war das allerdings etwas zu früh, alkoholmäßig ist bei uns normalerweise erst gegen achtzehn Uhr „elf“.

Rinaldo ließ seine Delta 45 vor einundzwanzig Jahren in Taiwan bauen. Er selber sei sechs Monate auf der Werft gewesen, die Inneneinrichtung habe er selber geplant. Es ist ein schönes Schiff geworden. Im Laufe der Jahre hat er es mit ziemlich viel Elektronik nachgerüstet, zum Beispiel mit diversen Alarmanlagen. Alle Schranktürchen sind gesichert und ein Bewegungssensor sendet sogar einen Funksignal, den er im Umkreis von fünfzehn Kilometer empfangen könne. Ob das übertrieben oder gerechtfertigt ist, kommt wohl auf das Revier an. In der Karibik sollen sich Crews mit „wie geht es, seid ihr schon ausgeraubt worden?“, begrüßen – ob das stimmt oder Seemannsgarn ist, weiß ich nicht.

Nach der ausführlichen Schiffsbesichtigung gab es dann tatsächlich Bier, und wir haben uns auch sehr gut über Gott und die Welt unterhalten. Es ist schon eigenartig, selbst in einer Kleinstadt muss es doch mehr sympathische, interessante Menschen geben als in einem Hafen – man lernt sie aber fast nie kennen. Hier winkt man sich zumindest mal zu, sagt good morning oder buon giorno, wenn man in Hörweite ist und stellt sehr schnell fest, ob man sich auch mehr zu sagen hat. Rinaldo und wir hatten uns jedenfalls genug zu sagen, so sagte Therese, als es Essenszeit wurde, sie gehe jetzt Spaghetti kochen, wir sollen in einer halben Stunde nachkommen. „Jaaa – ich auch?“ fragte Rinaldo. „Aber selbstverständlich!“

Am nächsten Tag tranken wir wieder etwas bei ihm, aber am folgenden Tag lief er aus in Rich­tung Gibraltar. Er ist allein auf seiner Aenea II. Er setzte noch im Hafen zwei Vorsegel, und dann verschluckte ihn langsam der rote Abendhimmel.

Der Ausbau der Maschine wird von Tag zu Tag verschoben – zum Glück haben wir uns das nicht anders vorgestellt, so haben wir keinen Zeitdruck. Zuviel Wind... das ist ein verständlicher Grund, Schleppen mit einem relativ schwach motorisierten Schlauchboot geht nun mal nicht bei Winddruck. Heute war der Grund aber recht abenteuerlich, Tonino erzählte aufgeregt eine längere, wilde Story, die nicht nur ich, sondern auch Therese nicht verstand; es hatte mit einem blauen Fischerboot, Streik, Carabinieri, Radio und Fernsehen zu tun. Wie auch immer – der nächste Termin soll übermorgen Montag sein. Wir werden’s sehen.

Er kam dann tatsächlich und sagte, wir sollen uns bereitmachen, um vier werden wir abgeschleppt. Um vier? Es ist doch schon viertel ab. Typisch, die haben echt keine Ahnung von Uhrzeit, dachte ich – nur um zu merken, dass man sich nicht zu sehr auf liebgewordene Vorurteile verlassen soll. Wortreich wurde uns nämlich erklärt, dass es sowas wie Sommer- und Winterzeit gäbe... Ach so.

Das Schlauchboot war beinahe pünktlich da, bald waren wir an der Pier festgemacht. Ein Lastwagen mit Kran ging in Position, Tonino kroch in den Maschinenraum, irgendwann hing das teure Stück am Kranhaken, wurde millimeterweise herausgehoben. Ich hasse solche Manöver, sah schon den Motor abstürzen, ein Loch im Schiffsboden, Tonino blutüberströmt, alle rennen und schreien wild durcheinander, wenn sofort ein Taucher käme... aber nein, glug-glug-glug... Ich war also sehr erleichtert, als der Motor auf dem Lastwagen lag und ANEKI immer noch schwamm.

Das war aber erst die erste Halbzeit, das eigentliche Problem war das Anlegen wieder am Schwimmsteg. Beteiligt waren drei oder vier italienisch sprechende Marinaios, die sich nicht einigen konnten, welche die richtige Mooringleine wäre (und die, die sie schließlich gewählt hatten, lehnte ich entschieden ab, wusste aber nicht, wie man italienisch „fahr ab mit dem Scheißding, das ist doch Schwachsinn!“, sagt), ein Schwyzerdütsch und ein Französisch sprechender lieber Helfer am Steg, ein Schlauchboot, das uns schleppte und wir zwei. Gott schütze mich vor meinen Freunden, mit den Feinden werde ich selber fertig!

Wir waren noch nicht ganz fertig mit den Nachwehen des etwas chaotischen Anlegemanövers, als Philip mit der Mitteilung kam, das Geburtstagsfest beginne in einer halben Stunde, wir sollen also kommen. Das Geschenk war aber erst halb eingepackt und der Fruchtsalat, der unser Beitrag zum leiblichen Wohl der Gäste und Gastgeber werden sollte, noch gar nicht angefangen. So drohte das Fest zuerst in Fortsetzung der Hektik mit anderen Mitteln auszuarten, wurde aber dann ganz nett, mit Bergen von Essbarem und Konversation in Englisch und Italienisch. Die jüngere Tochter unserer neuen englischen Freunde wurde sechzehn, die ältere war vor einem Monat achtzehn. Wir kennen zwar nur die Eltern ein bisschen, aber auch die zwei Töchter scheinen ganz lieb zu sein, ohne Pubertätsallüren – ob es an der englischen Erziehung liegt, am Leben am Boot, Zufall oder doch nur meine Unkenntnis, wäre interessant zu erfahren. Das Fest konnte vor dem Geburtstagskind bis zum letzten Moment geheimgehalten werden, sie wurde mit verbundenen Augen in das Zelt, wo es stattfand, geführt und als sie dann den Aufwand sah, Grill, Salatbuffet, Gäste, soll sie Freudentränen in den Augen gehabt haben. Was in dem Alter vermutlich nicht unbedingt „cool“, dafür menschlich, sympathisch ist.

Für weitere Aufregung sorgen – zwar ohne ihr Zutun – die Behörden. Therese fragte Massimo, ob man etwas „Offizielles“ unternehmen solle – die Frau spricht einfach zu viele Sprachen und schwätzt zu gerne mit netten Menschen – und der sagte, das wäre ratsam, die Guardia di Finanza mache nämlich hie und da Kontrollen. Theoretisch dürften wir nur sechs Monate im EU-Raum bleiben, danach wäre die Mehrwertsteuer auf unser Bötchen fällig (was eher mehr wäre, als ein neuer Motor, den wir uns eigentlich nicht leisten könnten). Schiffe die vor 1985 gebaut wurden, sind zwar nicht Mehrwertsteuerpflichtig (unseres ist von 1981). Nein, das gelte nur für EU-Bürger, sagt ein anderes Gerücht. Es gibt zwar entsprechende EU-Richtlinien mit den dazugehörenden Vollzugsvorschriften – natürlich gibt es sie, wenn schon die über die Einfuhr von Karamellbonbons länger sind als das gesamte Römische Recht –, die aber in jedem Land, jedem Hafen, von jedem Beamten anders missverstanden werden. In einer Broschüre des Schweizer Yachtclubs heißt es, man solle auf seinem Drittlandstatus beharren, ohne zu erklären, was zum Teufel das ist und wie man italienisch beharrt. Ich, der das Vergnügen hatte, die Kindheit unter Hitler, die Jugendzeit unter Stalin verbracht zu haben – das ist sehr lehrreich –, sagte, man solle nie die Behörden auf sich aufmerksam machen. Therese, die gradlinige Schweizerin, hat für sowas aber kein Verständnis. Na gut. Streit bekamen wir erst, als ich das erste, bescheuerte Formular auszufüllen begann. Es ist immer das gleiche. Alle Menschen, die in einem halbwegs zivilisierten Land leben, verbringen einen nicht vernachlässigbaren Teil ihres Lebens mit Ausfüllen von Formularen. Warum zum Teufel kann dann nie jemand, der professionell mit dem Erstellen von Formularen befasst ist, diese Tätigkeit mit einem brauchbaren Ergebnis abschließen? Die Kolonnenüberschriften stimmen nicht mit den Ko­lonnen überein, es ist selten genug Platz für die verlangten Antworten (es sei denn, für Ja oder Nein, dafür stehen mindestens zehn Zentimeter zur Verfügung). Ich war also schon etwas geladen, als ich fragte, wo sie geboren wurde. Sie sagte, das gäbe es in der Schweiz nicht. Das hat mich definitiv an die Decke katapultiert: „Gopfrischtutz, wächst ihr Sonderfälle denn auf den Bäumen oder was?“ Da war sie natürlich beleidigt, wie kommt so ein hergelaufener Ungar dazu... (Zum Verständnis: In Schweizer Dokumenten wird der Geburtsort tatsächlich kaum je erwähnt, dafür gibt es den Begriff Heimatort, was wiederum in anderen Ländern unüblich ist. Tja, es gibt ihn schon, den Sonderfall...)

Der welsche Stegnachbar war inzwischen beim Hafenamt und berichtete, es sei alles nur halb so schlimm, man müsse nur ein Formular ausfüllen e basta.

55.

Wir wussten nur sehr ungefähr, wohin uns der Behördengang führen soll, und zwar auch im wörtlichen, geographischen Sinne. An dem von Massimo angegebenen Ort wurden wir von einem freundlichen Matrosen dahingehend aufgeklärt, dass da nur das Technische Departement wäre, wir müssen ganz ans andere Ende des riesigen Hafens pilgern – wo genau, konnte er nur ungefähr an unserem Stadtplan angeben, da der in jenem Bereich keine Straßen oder sonstige Details enthält. Der Welsche hat es zwar auch erklärt, wo er gewesen sei, sprach von Zolldirektion, zweiter Stock, da sollen zwei Beamte sitzen, die sich mit dieser Sache beschäftigen. Die zwei Wegbeschreibungen waren zwar nicht identisch, aber beide vage genug, um annehmen zu dürfen, dass es sich um den gleichen Ort handeln könnte. Also machten wir uns auf den Weg, zuerst mit Bus, dann zu Fuß. Nach längerem Suchen fanden wir tatsächlich ein größeres Gebäude mit der italienischen und der europäischen Flagge über und einem Schild Direzzione di Dogana oder so ähnlich neben dem Eingang. Na also; zweiter Stock. Viele Büros. Die Türschilder in Amtsitalienisch hätten allerdings genau so gut chinesisch sein können. So klopften wir an einer offenen Tür an und fragten den Beamten, wo wir hin sollen. Es hat eine Weile gedauert, bis er verstand, was wir wollten und sagte, hier wären wir total falsch, wir müssten vermutlich zur Capitaneria di Porto. Aha – und wo wäre die? Zum Glück kam ein weiterer Mann dazu – in Italien kommen immer Weitere dazu, wenn man irgendwo irgendwas fragt, manchmal diskutieren sie noch lange, nachdem der ursprüngliche Fragesteller schon weit weg ist – und bot es an, uns mit dem Auto hinzubringen, er müsse selber sowieso auch noch dort hin.

Es war ein ziemlicher Irrweg irgendwo am fernen Rand des Hafens, durch schmale, zum Teil unbefestigte Straßen, an diversen Gewerbebetrieben vorbei, durch Unterführungen und über Brücken. Das Gebäude war streng bewacht, wir mussten je einen Personalausweis abgeben. Innen gab es überall rote Rauchverbotsschilder in vier Sprachen und tatsächlich, nur ein kleiner Teil der Kunden und der Beamten hat geraucht; selbstverständlich unbehelligt. Bella Italia – man lebt und lässt leben.

Man verstand relativ schnell, weshalb wir hier sind und verlangte ein Schiffsdokument zwecks Erstellen einer Fotokopie, wie man uns sagte. Dann hätten wir noch unsere Namen angeben sollen, was erfahrungsgemäß bei Häfliger immer zu großen Problemen führt, weil kein Name in irgendeinem sonnigen Land mit H beginnt und Umlaute mit Pünktchen sowieso völlig unbekannt sind – es sei denn, der Schreibende sei mit der deutscher Sprache vertraut, dann wird aber oft vor dem g ein n eingefügt, wie es sich gehört, womit sie Haflinger statt Häfliger heißt, was wiederum eine Pferderasse und kein Schweizer Geschlecht ist. Aber wozu hatte ich dieses depperte Formular Crew List schon ausgefüllt? Ich überreichte also das vorbereitete Dokument, man nahm es entgegen – und das war es dann, wir durften wieder gehen. Weder haben wir selber irgendein Papier oder Stempel bekommen, noch wurden wir bezüglich zulässiger Aufenthaltsdauer oder sonst irgendetwas instruiert. Wir finden trotzdem, dass wir unsere Pflicht den Behörden gegenüber erfüllt haben – sollten wir denn besser wissen als sie, wie die korrekte Vorgehensweise wäre?

Unsere Generalreinigung im Hallenbad hat bestens funktioniert. Wir schwammen sogar ein paar Runden, wozu wir allerdings zuerst Badekappen – eher Kopfpariser, sie sind aus Gummi – kaufen mussten. Die ganze Übung kann in etwa einer Stunde abgewickelt werden. Danach aßen wir zur Abwechslung wieder mal selbstgebackenes Brot. Von der Temperatur her hätten wir zwar auch noch auf dem Steg „duschen“ können, es weht aber heute ein steifer Maestrale.

Gestern Abend gab es kleine, fritierte Fische. Die hat uns Tonino geschenkt, nachdem wir den Motor im „Spital“ besucht haben. Ein Pleuellager war geschmolzen, was den Verdacht nun von Jean-Paul doch eher in Richtung tunesisches Motorenöl verschiebt. Nun wird die Kurbelwelle überschliffen und ein Satz neuer Lagerschalen eingebaut. Wir werden ein richtiges Schmuckstückchen – gioiellino – bekommen, sagte Tonino. Ob er uns die Fische vorsorglich geschenkt hat, damit wir auch nach der Bezahlung seiner Rechnung nicht verhungern?

Nach dem Hallenbad habe ich den Riegel am Niedergang endlich repariert. Gewisse Sachen dauern unwahrscheinlich lange. Erst hat mich jahrelang geärgert, dass dieser Riegel immer wieder zu wackeln anfing. Alle ein, zwei Monate zog ich die Schrauben nach, bis ich irgendwann die Sinnlosigkeit solches Tun einsah und die vier Schrauben gegen größere ausgewechselt habe. Das Ding sitzt seitdem fest wie eine Tresortüre – nur passte plötzlich der Sperrbolzen nicht richtig in das Gegenstück. Ich konnte ihn zwar mit etwas Mühe schließen und öffnen, Therese aber fast nicht. Also musste ich, wenn wir irgendwo hin wollten, immer warten, bis sie draußen war, damit ich die „Haustür“ schließen konnte. Und beim Zurückkommen konnte ich ihr auch nicht den Vortritt lassen, wie ich es als Gentleman eigentlich tun sollte, weil die Dame mit ihren zarten Fingerchen nicht öffnen konnte. (Für die übliche Art, dass nämlich der Herr der Dame die Tür aufhält, fehlt auf einem Segelboot der Platz; nautische Kriterien haben Vorrang vor standesgemäßer Raumplanung.) Allein, es gibt ja unzählige Kleinigkeiten, worüber man sich ärgern könnte, und statt sich jedesmal zu überlegen, ob man nicht etwas verbessern könnte – meistens kann man nicht – vergisst man diese Sachen am besten sofort wieder. Was natürlich Verbesserungen dort, wo sie möglich wären, erstaunlich lange verhindern kann. Heute war es aber endlich soweit. Ich musste nur ein kleines Stückchen Alublech zuschneiden und unter diesem Bügel mit festschrauben. Was man natürlich zuerst erkennen muss, nicht jeder hätte gesehen, wieso das Scheißding klemmt, geschweige denn, Abhilfe konstruieren und anfertigen können; das muss ich bei aller Bescheidenheit doch festhalten.

Eine andere Ertüchtigungsmaßnahme mussten wir dem Lattenrost unter unserer Koje angedeihen lassen. Einige waren da etwas zu lang, so dass man eine Klappe darunter nicht ohne Mühe öffnen konnte. Da war ein etwas andersgearteter Verdrängungsmechanismus schuld daran, dass ich diese Latten erst nach etwa einem Jahr gekürzt habe. Diese Klappe öffnet praktisch immer nur Therese. Und weil es dort auch sonst eng und unbequem ist, stöhnt und murmelt sie grundsätzlich dabei – und für mich gehören solche Laute einfach zu den üblichen Nebengeräuschen des Bordlebens, wie das Quietschen der Fender, Stöhnen der Festmacherleinen, Klappern der Fallen, Heulen des Windes. Von Mal zu Mal sagte sie zwar, „man“ müsste doch endlich diese Latten..., ich sagte dann ja, ja, und wir legten das Thema wieder ad acta bis zum nächsten Mal. All zu häufig musste sie ja nicht in jenem Stauraum wühlen. Bis vor zwei Tagen; da sagte sie plötzlich, jetzt wäre eine wunderbare Gelegenheit, ein Stückchen abzusägen und blickte mich so erwartungsvoll-optimistisch an, dass ich mich unmöglich solcher Motivation entziehen konnte. Obwohl ich erst vor wenigen Tagen sechs Scharniere an zwei anderen Klappen ersetzt hatte, welche der salzfeuchten Luft zum Opfer fielen. Normalerweise führe ich nicht zwei so große Projekte in der gleichen Woche durch.

Der Winter ist normalerweise die Zeit, wo man nichts zu tun hat, außer auf längere, wärmere Tage zu warten – dachten wir, als wir noch Hausbewohner waren. Das real existierende Bordleben hat allerdings kaum Ähnlichkeit mit solchen naiven Wahnvorstellungen. Wir zum Beispiel pflegen jeweils im Herbst den Motor reparieren zu lassen. Obwohl – eine andere verbreitete Wahnvorstellung – Dieselmotoren ein Menschenleben lang problemlos ihre Arbeit tun. Ein Triebwerkwechsel an einem Flugzeug gilt aus Routinetätigkeit, und ein Passagierflugzeug am Boden kostet pro Minute tausend Franken. Deshalb sind Flugtriebwerke bestens für den schnellen Aus- und Einbau vorbereitet, alle Rohrleitungen mit Schnellkupplungen versehen, elektrische Kabel mit Multistecker, standardisierte Hebezeuge passen genau in entsprechende Beschläge. Da aber Yachtdiesel ewig laufen und Yachties unendlich viel Zeit haben, überlegt kein Konstrukteur, keine Werft, wie man einen Motorenaus- und Einbau vereinfachen könnte – im Gegenteil, man bekommt den Eindruck, dass Spezialisten eigens dafür eingesetzt werden, alles so unzugänglich, unübersichtlich und unpraktisch zu gestalten wie technisch gerade noch machbar. Dementsprechend dauert der Triebwerkwechsel an einer Segelyacht nicht anderthalb Stunden sondern anderthalb Monate. Obwohl die Maschine einiges von dieser Zeit in der Werkstatt verbringt, gibt es auch auf dem Schiff immer wieder etwas zu tun. Der Mechaniker kommt unverhofft vorbei, um irgendwelche vergessene oder verlorene Teile im Maschinenraum zu suchen. Bei eingebautem Motor müssen unzugängliche Stellen gereinigt werden. Und wenn die reparierte Maschine irgendwann wieder eingebaut ist, muss sie möglichst subito etwa zwanzig Stunden laufen und der erste Ölwechsel gemacht werden.

Kaum war dies alles erledigt letzten Winter, fingen schon die Elektriker ihr Unwesen zu treiben an, was zur Folge hatte, dass wir unsere tolle Kuchenbude gar nicht aufgestellt hatten. Wozu haben wir dann aber das teure Ding, stellte mein Täubchen die rhetorische Frage und erteilte umgehend den Befehl, sie wird sofort aufgestellt. „Wir haben das ja in einer halben Stunde wieder, wenn der Motor kommt“, ergänzte sie tröstend. Also machten wir uns ans Werk. Schon das Ausgraben der Bestandteile brauchte mehr als eine halbe Stunde, aber bezüglich Zeitangaben sind wir schon weitgehend im Mittelmeerraum assimiliert. Dann wurde es aber ernst.

Am hinteren Ende des Cockpits steht unser Besanmast. Um ihn herum kommen von oben Achterstag, zwei Schoten, zwei Falle. Seitlich sind zwei Genuaschoten, die Reffleine der Rollgenua, Landstrom- und Antennenkabel, die Leine der Baumbremse. Man stelle sich einen jungen Wald vor mit viel Unterholz, und da soll nun ein Zelt aufgestellt werden, ohne dass ein Ästchen gekrümmt wird. Dazu kommt, dass einige Arbeitsgänge nur Therese, andere nur ich kann, wieder andere gingen am besten zu zweit, nur kann keiner von uns genau sagen, was der oder die andere soll.

Als Beweis unserer menschlichen und handwerklichen Qualitäten, unserer gegenseitigen Achtung und Liebe, steht seit gestern als Monument für all dies die Kuchenbude! Und da es seit gestern immer wieder von der „falschen“ Seite, nämlich von hinten, regnet, sind wir auch sehr froh darum. Es ist nämlich sehr lästig, wenn der Wind den Regen direkt in die gute Stube peitscht, sobald wir den Niedergang nur einen spaltbreit öffnen. Dafür nehmen wir sogar in Kauf, dass wir unsere Behausung nun nur auf dem Hintern oder den Knien rutschend betreten und verlassen können. Das Ausleeren eines Beckens mit Spülwasser und Fischabfällen – Therese hat soeben fünf Knurrhähne filetiert – ist dabei schon hohe Schule. (Knurrhähne sind weder männliche Vögel noch knurren sie – in Kochbüchern oder Brehms respektive Grzimeks Tierleben suche man unter Fische.)

56.

Seit Stunden verfolgt der Mörder Comissario Aurelio Zen durch die unwegsame Buschlandschaft in den Sardischen Bergen mit einer Schrotflinte. Wird er durch ein Wunder doch noch gerettet oder wird er erschossen? Die Spannung steigt – und wird dann plötzlich real. Es ist kein sardischer Bandit, der draußen steht, nur der Wind hat Sturmstärke erreicht, und ein recht unsanfter Stoss legt es uns nahe, unsere friedliche Tätigkeit – ich lese Therese nach dem Nachtessen vor – zu unterbrechen. Wir eilen hinaus. ANEKI liegt total blödsinnig quer in der Landschaft. Der Wind hat ihr Heck bis zum Steg nach hinten gedrückt und der Bug stösst unsanft gegen das Nachbarschiff, das eigentlich gar nicht direkt neben uns, sondern einen Platz weiter an Steuerbord liegt. Therese hängt Fender ans Heck, ich versuche einen zwischen ANEKI und dem Nachbarn reinzuquetschen. Dann holt sie Bootshaken und Handschuhe, und wir angeln eine weitere Mooringleine, die zwar eigentlich für einen eventuellen Nachbarlieger gedacht wäre, aber in dieser Nacht kommt bestimmt keiner. Inzwischen kommen zwei französische Stegnachbarn zum Helfen, aber auch zu Dritt können wir diese Mooring nicht soweit holen, dass wir sie belegen könnten. Da hat einer eine gute Idee: Wir legen im Luv eine Leine zum anderen Nachbar, der Motoryacht, mit deren Hilfe wir endlich den Bug von dem Segler im Lee wegziehen können. Mittlerweile sind auch Massimo und sein Vater da. Nach einer Weile Hektik liegt ANEKI einigermaßen wieder richtig. Beide Moorings sind belegt und außer der Leine zur Motoryacht haben Massimo und Vater noch eine zum Segler angebracht. So werden die Kräfte je nach Richtung der einfallenden Böen besser verteilt, und die Sicherheitsabstände bleiben eher erhalten. Wir sind sehr froh über die prompte Hilfe. Während sich Therese in allen Sprachen bedankt, bemerkt sie plötzlich, dass das Schlauchboot am Vordeck der Motoryacht versucht, sich in eine Flugmaschine zu verwandeln. Wir nehmen an, dass dies nicht eigentlich erwünscht sein dürfte und gehen mit einer Leine rüber, um es festzuzurren. Unser Fifi liegt immer noch am Steg draußen, wir binden auch ihn noch fest. Danach wird die Vorlesung bis spät in die Nacht fortgesetzt, bis Aurelio Zen wohlbehalten wieder in Rom ist und wir annehmen können, dass auch ANEKI nichts Böses zustossen wird. Gut schlafen wir trotzdem nicht gerade in dieser Nacht und stehen auch ungewöhnlich früh auf. Der Wind hat inzwischen gedreht. Wir bringen über Kreuz zwei zusätzliche Heckleinen aus für alle Fälle. Gemäß Wetterbericht liegt ein kräftiges Tief über Algerien, bewegt sich langsam zu den Balearen und dann nach Sardinien. Dass es von der Sahara herkommt, ist nicht zu übersehen: Einmal mehr ist alles mit einer dicken Schicht roten Sandes überzogen.

Ein paar Tage später zeigte das Wetter wieder sein Mittelmeerreiseprospektgesicht: fast wind­still, tiefblauer Himmel mit wenigen, malerischen Wölklein und an der Sonne zu warm für mehr als ein T-Shirt. Wer nur diese Variante kennt, kann es sich nicht vorstellen, dass hier Stürme in Orkanstärke durchaus üblich sind. Zum Glück zog das Schlimmste nicht hier durch. In einigen anderen Häfen hier in der Umgebung sollen trotzdem ziemlich Schäden entstanden sein. Wenn die Wellen über die wohl etwas zu niedrige Mole rollen, entsteht im Nu ein infernalischer Hexenkessel. Wir bekamen sogar etwas Regen, der einen Teil des Sandes aus dem Rigg ge­spült hat. Deck und Reling hatten wir vorher schon einigermaßen abgespritzt.

Als Nebenprodukt von Thereses thailändischen Abend aßen wir zweimal hintereinander eine Suppe aus meiner kreativen Küche. Das erste Mal sagte mein Täubchen, sie wäre nicht schlecht, nur habe es zu viele grüne Erbsen drin. „Aber es ist doch eine Erbsensuppe mit Linsen und Lamm“, sagte ich und siehe da, am zweiten Abend fand sie sie wunderbar. Man hat einfach mehr davon mit dem nötigen Hintergrundwissen; meint man, eine Linsensuppe mit Lammfleisch zu essen, kann man die grünen Kügelchen tatsächlich als nicht eigentlich dazugehörend empfinden; wenn man hingegen seine Sinne auf Erbsensuppe einstellt... Der thailändische Abend spielte allerdings in einer wesentlich höheren kulinarischen Liga. Zuerst gab es eine delikat-exotisch gewürzte Suppe mit Pouletfleisch und Pilzen, danach Lammfleisch mit Tomaten- und Peperoniwürfelchen, Kokosmilch und... geplant war noch, dass sie ein Kimono oder Sari oder sonst was ähnliches anzieht und rote Schummerbeleuchtung installiert, irgendwie hat sie aber, mit dem Erstellen von sogar zwei exotischen Gerichten unter Bordbedingungen, doch hart an der Grenze ihrer Leistungsfähigkeit operiert und vergaß sowohl diese ergänzenden infrastrukturellen Maßnahmen als auch die Zugabe der Erbsen. Was natürlich einerseits trotzdem nicht passiert wäre, wenn sie das Unwetter draußen nicht zusätzlich abgelenkt hätte und mir andererseits genug Erbsen übrigließ für meine Suppe.

Heute war dann, wie gesagt, Bilderbuchwetter – aber glaube nicht, dass man das an Bord der ANEKI gebührend genießen durfte; nicht bei dieser Chefin. Zuerst musste ich wieder sinnlos hin und her schwimmen im Hallenbad, und dann wurde noch angeordnet, Genua und Besansegel abzuschlagen und zu verstauen. Bis das alles fertig war, ging die Sonne, die vielleicht das letzte mal in diesem Jahr nicht nur Licht, sondern auch spürbare Wärme spendete, unter; es blieb gerade noch Zeit für ein bisschen Backgammon, wobei sie von drei Spielen auch zwei gewann. Ach, ist das Leben hart und ungerecht!

Es ist schon ein verdammt blödes Gefühl, wenn man inzwischen mehr als fünfundsechzig Jahre auf dieser Welt verbracht und viele Erfahrungen gesammelt hat, gute und bitterböse, Hitler, Stalin, Weltkrieg, Revolution, Flucht, Liebe, Hass, Tausende Bücher gelesen, Tausende Menschen kennengelernt – und dann kommt so ein hergelaufener belgischer Ex-Mechaniker und schlitzohriger Kaufmann und manipuliert und verarscht einen wie ein Baby! Meinen technischen Verstand nebelt er mit völlig logisch Klingendem ein, und Thereses Instinkt überfährt er mit unverschämter Einschüchterung; und ehe wir es merken, hat er unsere Million und wir seinen alten Schrotthaufen „so gut wie neu“. Tonino, der hiesige mecanico war zuerst sehr zurückhaltend, was die mögliche Ursache anbelangt, verstärkte lebhaft und vehement, wie es nur Italiener können, meinen Verdacht, es läge am tunesischen Motorenöl – klaro, heutzutage sind ja an Allem die Araber schuld, früher waren es die Juden –, wollte lange Zeit nicht den unbekannten Kollegen in Palma beschuldigen, bis er nicht mehr anders konnte. Es deutet einfach zu Vieles darauf hin, dass wir zwar einen reparierten, aber nie einen total revidierten Motor bekamen. Kann man da wirklich nichts machen?

Wir entschieden uns, einen Brief an Perkins, den Hersteller, zu schreiben und eine Kopie an das Schlitzohr in Palma. Wir schilderten kurz die Geschichte unserer „generalüberholten“ Maschine und den gravierendsten Teil dessen, was bei der Zerlegung zum Vorschein kam und stellten am Schluss die Fragen, ob dies die übliche Vorgehensweise einer autorisierten Perkins-Vertretung, der übliche Zustand eines revidierten Perkins-Diesels nach lächerlichen 163 Betriebsstunden sei – und wer für all dies eigentlich aufzukommen habe?

Vielleicht wird die Antwort heißen, da wäre etwas total falsch gelaufen, es tue ihnen furchtbar leid, selbstverständlich sollen wir ihnen die Rechnung schicken. Oder aber wird alles abgestritten, wir hätten diese tolle Maschine zu Schrott gefahren – falsches Öl, falsche Handhabung – und sollten wir nicht diese unhaltbaren Behauptungen zurückziehen, haben wir eine Verleumdungsklage zu gewärtigen. Beide Extreme sind unwahrscheinlich – wir sind gespannt auf die wirklichen Antworten, die da kommen mögen.

Zunächst kam nur Tonino, um im Maschinenraum irgendwelche Anschlüsse zu kontrollieren. Die Maschine sei nun bald bereit zum Einbauen, gestern hätten sie bis Mitternacht daran gearbeitet – hoffentlich verrechnet er nicht noch Überzeit- und Nachtschichtzuschlag. Kaum war er gegangen, kam Philip und fragte, höflich wie die Engländer halt sind, ob er kommen dürfe. Obwohl wir schon ziemlich Hunger hatten, konnten wir ihm doch nicht nein sagen, also ging er seine CD holen, und ich startete den PC. Seit Tagen bemüht er sich erfolglos, eine Verständigung zwischen seinem neuen Telefonino und seinem Minicomputer herbeizuführen. Da er aber kein CD-Laufwerk hat, versuchen wir bei uns, die fehlenden Infos seiner CD zu entlocken. Ebenfalls erfolglos. Dieser war nun schon unser dritter oder vierter Versuch. Die magische Zahl oder das magische Wort blieb zwar weiterhin verborgen, ich habe jetzt aber auf meinem Windows-Bildschirm ein neues Symbol, „blu connection manager“, das zwar nichts bewirkt, weil ich ja weder Modem noch Telefonanschluss am PC habe, es sich aber mit keinem Mittel eliminieren lässt. Ich las unzählige Informationen in der Hilfedatei, ich hätte auch etliche Programme, die ich weiterhin brauche, löschen können, nicht aber dieses verdammte blu-Symbol. Im Gegenteil, plötzlich hatte ich zwei, dann drei! Die „Kinder“ ließen sich zwar allerdings wieder entfernen – das hätte mir noch gefehlt, dass die sich auch noch vermehren! – der Urvater ist aber unzerstörbar.

Philip erzählte, er habe nun eine Gratis-Telefonnummer von blu ausfindig gemacht. Eine halbe Stunde sprach er mit ihnen, sogar Englisch, erfahren hat er aber nichts Brauchbares. Das Gespräch wurde durch die normale Routinetätigkeit seiner Töchter auch nicht gerade erleichtert. Zuerst machen sie irgendwelche Turnübungen, die nur mit Begleitung durch eine Art Musik durchführbar sind – wir hatten den Eindruck, dass es sich nicht um Philips Lieblingsmusik handeln dürfte – und dann müssen noch die Haare gefönt werden. Der arme Philip schien ziemlich am Ende seiner psychischen Tragfähigkeit zu sein – zwei Töchter und ein Computer schaffen allerdings auch den stärksten Mann spielend. Nun wollte er wieder mal ins Internet-Café; wir sind gespannt auf die Fortsetzung dieser Story.

Stunde um Stunde sind wir allein hier. Therese näht am neuen Kleidli für Fifi, ich schreibe; wir lesen; sie geht einkaufen und ich spüle das Geschirr. Wenn aber jemand kommt, selten allein. Während Therese mit Tonino italienisch konferiert, versuchen Philip und ich englisch Verständigung zwischen uns und unserer beiden Computern herbeizuführen. „Try this with the right hand button“, sagt Philip und Therese, „du Thomas, Tonino fragt ob du...“ – ich brauche dringend eine Vorzimmerdame! Statt Fifi anständig ganz auf die Seite zu schieben, damit man auf dem schmalen Steg noch irgendwie verkehren könne, würden wir sie querstellen, sie säße darin und... „yes, Philip, you may come at three thirty...“ - „no, Tonino, per il momento il capitano é occupato...“ Das ist aber irgendwie nicht so üblich hier, also passiert entweder nichts oder alles gleichzeitig – aber wenigstens erzählen kann ich es der Reihe nach.

Also, zuerst kam Philip. Es war schon die vierte oder fünfte Sitzung in dieser Angelegenheit. Einmal mehr installierte ich seine Kommunikationssoftware auf meinem PC – zum Glück inzwischen eine andere, die sich auch wieder löschen lässt – und plötzlich, nach unzähligen erfolglosen versuchen, fingen die beiden Computer miteinander zu reden an, unzählige Papierchen flatterten von meinem zu seinem, zumindest auf dem Bildschirm. Und nachdem fertiggeflattert war, drückte Philip mit zitterndem Finger ein paar Knöpfe und brach im Jubel aus, zumindest soweit als es für ihn als wohlerzogenem British gentleman überhaupt möglich war. Sein E-Mail schien tatsächlich zu funktionieren – ich gönne es ihm und auch mir von Herzen. Das dauerte natürlich wesentlich länger, als es diese paar Sätze ahnen lassen, und die Konferenz mit Tonino war mittlerweile in vollem Gang.

Toninos Art zu kommunizieren ist nun ziemlich das Gegenteil des vornehmen britischen Gemurmels, und Therese ist bemerkenswert weitgehend in diesem temperamentsprudelnden Land assimiliert. Es war mir also als des Italienischen nicht mächtigen Zeugen weitestgehend klar, dass die zwei im Cockpit inzwischen alle Probleme dieser Welt gelöst haben oder aber der Ausbruch des dritten Weltkrieges unmittelbar bevorsteht. Philip sagte auch, „maybe it’s better I leave you know“ und so konnte ich einen ersten Versuch starten, mich über den Inhalt dessen, was zweifelsohne als die Konferenz von Cagliari in die Weltgeschichte eingehen wird, zu informieren. Also, kurz das Wesentliche:

Bevor wir unseren Heimaturlaub antreten, wollen wir ANEKI aus dem Wasser nehmen lassen. So kann sie im Unterwasserbereich richtig austrocknen, bevor der neue Antifouling aufgebracht wird, ohne dass wir wochenlang „hoch und trocken“ wohnen müssten. Nun erging der Beschluss, dass auch der Motor erst an Land eingebaut werden soll. Das gehe wesentlich besser, die genaue Ausrichtung auf die Propellerwelle könne auch überprüft, die Stopfbuchse in aller Ruhe neu bepackt werden. Ich finde dies auch eine wirklich gute Idee – wir feierten sie mit je einem Glas Whiskey. Tonino spricht nun von uns definitiv nicht als Kunden, sondern als Freunde. Wir sind etwas ratlos, wissen nicht recht, wie dies zu verstehen, zu werten sei. Ich sagte Therese, in der Schweiz hätte ich auch etwa dreißig Jahre gebraucht, bis ich die Mentalität, die unzähligen ungeschriebenen Gesetze und Regeln, die Bedeutung dieser und jener Redensart einigermaßen erfasst habe. Ungarn, Schweiz, Italien, diese drei Länder liegen doch so nahe beieinander, alle sind Erben der gleichen griechisch-römischen und christlichen Kultur, man schätzt die gleichen Künstler, ähnliche Wurstwaren und Getränke – und doch sind es Welten für sich.

Unser Freund Tonino will uns gelegentlich auch zu einem anderen Freund zum Essen einladen. Wir zwei würden ganz allein ein Spanferkel verspeisen, Therese bekomme Fisch – ich bin gespannt.

57.

Wir haben einige neue Nachbarn. Die ersten kamen zuerst zu Fuß, um zu rekognoszieren, ob sie ihr Boot hierhin verholen sollen. Er sei Amerikaner, sie Australierin, beide sympathisch. Dann, es war schon fast dunkel, kam ein Segler mit Schweizerflagge. Bald darauf hatten wir keinen Strom. „Immer der gleiche Mist“, schimpfte mein Täubchen, „sobald mehr Boote kommen...“ – den Rest verstand ich nicht mehr, sie war inzwischen draußen. Ich schaltete den Kühlschrank auf Inverter um, löschte alle Lichter bis auf eines, schaltete auch den Heizlüfter aus und setzte mich mit meinem Buch an eine Stelle wo ich etwas Licht zum Lesen hatte und auch das Kontrollämpchen für Landstrom im Auge behalten konnte. Ich hörte Therese draußen mit verschiedenen Leuten schwätzen, plötzlich gab es Strom, also alles umschalten, dann fiel er wieder aus – so hat man zwar immer zu tun, ich fand es trotzdem langsam langweilig. Diesmal dauerte es länger, dann kam er aber wieder, ein paar Minuten später auch Therese und verkündete wie eine Sensation, dass es nun eigentlich funktionieren müsse. „Was du nicht sagst – was meinst du, wozu ich dieses Kontrollämpchen montiert habe? Was war eigentlich los?“ - „Ach, der Engländer da vorne. Immer wenn er etwas eingeschaltet hat, jagte es die Sicherung raus. Massimo sagte ihm gleich, diese britischen Stecker machen immer Probleme, man werde sich morgen drum kümmern. Aber nein, noch zweimal musste er es probieren. Er kam auch selber angerannt, ‚okay, okay, it’s my water heater‘. Wir mussten immer ganz nach vorne, es war nämlich die Hauptsicherung. Dann kam auch noch Philip, sie haben gerade einen Videofilm angeschaut, er sagte seiner Familie, sie solle doch nur ein bisschen warten, es käme automatisch wieder – von wegen automatisch, ich musste immer rennen! Ob er denn keinen Gasherd habe, fragte ich den anderen Engländer. Doch, aber Strom sei billiger. Ob er gar nicht Engländer sondern Schotte ist? Vielleicht sollte Therese ihm die Rennerei in Rechnung stellen...

Am nächsten Vormittag sagte sie, sie gehe raus zum Turnen und Bettwäsche schütteln. Turnen tut ihrem Rücken gut. Bettwäsche schütteln muss auf einen alten innerschweizer Aberglauben zurückgehen, so genau wage ich das nicht zu hinterfragen, sonst schimpft sie mich einen unwissenden Barbaren. Statt der gewohnten Begleitgeräusche dieser Tätigkeiten hörte ich sie diesmal aber nur in allen Sprachen plaudern. Der Nachbar sei Deutschschweizer, berichtete sie anschließend, seine Frau aber welsche, sie spräche also lieber französisch. Und dann wäre auch noch der Elektroniker gekommen. Unser schon lange bestellter Echolotgeber sei eingetroffen, das gleiche Modell gäbe es allerdings nicht mehr, dieses könne man nur an Land einbauen. Und die Nachbarn wollten wissen, wo man hier einkaufe, sie gehe mit ihnen also auf den Markt und in den Supermarkt, sie habe aber gesagt, dass sie zuerst abwaschen müsse.

Normalerweise spüle zwar ich das Geschirr, aber gestern habe ich gekocht, dann muss ich nicht; außerdem war ich inzwischen am Nähen. Der Abwasch war aber noch nicht fertig, als die Welsche schon auf der Matte stand. Sie solle nur gehen, sagte ich, ich mache das hier schon fertig – bei dem ständigen Hin und Her hätte ich mir sowieso nur irgendwann gruusig in den Finger gestochen, war mein Hintergedanke. Sie ging also, und ich konnte meine Arbeit endlich in Ruhe fertigstellen: Unsere seit vielen Jahren bestens bewährte Einkaufstasche fing an, Verschleisserscheinungen zu zeigen, so beschloss ich, ihr neue Henkel anzunähen. Die verwendeten Gurte wären ohne Weiteres für einige hundert Kilo Traglast geeignet, schwächere besitzen wir aber nicht; und nähen lassen sich diese robusten Dinger mit Hausfrauenmethoden und –Werkzeug natürlich schon gar nicht, da muss Mann also mit Segelmacherhandschuh, Zange und anderem schweren Gerät dahinter.

Ein anderes Nähprojekt, an der Therese seit Wochen arbeitet, ist allerdings um Größenordnungen anspruchsvoller: Sie macht einen Schutzüberzug für unser Dinghi, also ein Fifikleidli. Es soll das gute Ding vor UV-Strahlen schützen. So wunderschön die mediterrane Natur auch sein mag, sie ist in gleichem Maße auch mörderisch: Die salzige Feuchtigkeit und die erbarmungslosen Sonnenstrahlen killen alles nicht absolut Höchstwertige oder entsprechend Geschützte in no time. So ein Schlauchbootüberzug ist gar nicht so einfach. Jene, die man hie und da sieht, sind in unserem Fall völlig ungeeignet – oder eigentlich für überhaupt keinen Fall geeignet –, nämlich normale Persenninge, die das ganze Boot abdecken. Um das Boot besteigen zu können, müssen sie also abgenommen werden. Das wäre noch machbar – aber wie bringt man sie an? Schwimmend? Durch Magie? Unser Fifi hängt unterwegs an den Davits, im Hafen oder vor Anker schwimmt er neben ANEKI. Oder, wenn wir an Land sind, wartet er auf uns. Um ihn an den Davits hochziehen zu können, müssen zwei Karabinerhaken eingehängt werden, dazu muss jemand auch reinsteigen; und natürlich auch zum Aushängen. Außerdem regnet es selbst an den Gestaden des Mittelmeeres hie und da. Durch das Gewicht des Regenwassers werden alle normalen Persenninge in der Mitte eingedrückt und in der sich so gebildete Kuhle schwappt noch lange Zeit nach dem Regen eine immer unappetitlicher werdende Wasserlache. Unsere Lösung ist also vergleichsweise geradezu genial zu nennen und ist das Produkt kumulierter nautischer und schneiderischer Erfahrung – und da sie noch nicht patentiert ist, bitte ich um Verständnis, dass sie vorläufig strengster Geheimhaltung unterliegt. Von der Kleinigkeit mal abgesehen, dass sie auch noch nicht ganz fertig, somit völlig unerprobt ist.

Vielleicht war der durchschnittliche Segler vor zwanzig Jahren jünger, mit dementsprechend knackigerem, wohlgepolsterterem Hintern, vielleicht sind nur die Ansprüche gestiegen und die allgemeine Verweichlichung fortgeschritten – wie auch immer, während Rudergängersitze neuerer Amels wunderbar gepolstert sind, besteht unserer aus nacktem, rüdem Kunststoff. Was zur Folge hatte, dass mein... – na ja, meine mich liebende Gattin musste mich schon mal mit Wundersalben behandeln an Stellen, zu denen nicht Jedermann Zugang hat. Das muss ihr aber längerfristig doch zu wenig Freude bereitet haben, so hat sie also mit einigem Aufwand ein Sitzpolster angefertigt. Dessen Überzug war aber auf die Dauer der harten Beanspruchung der hohen See nicht gewachsen, so kam also noch ein weiteres Projekt zu ihrer schier endlosen Liste hinzu. Vorher musste aber einmal mehr meine Kopf- und Gesichtsbehaarung dran glauben. Nicht nur fand sie mich nicht mehr den schönsten Mann weit und breit, sie hatte sogar ernsthafte Bedenken, mich in diesem verwilderten, verwahrlosten Zustand ihrer Familie zu präsentieren – in elf Tagen reisen wir ja bereits ab! Auf dem Rückweg vom Haarschneider habe ich mir endlich merken können, wo wir hier eigentlich liegen: Es ist die Marina del Sole, Molo Sant’Elmo. Am Nachmittag hat sie dann an dem neuen Sitzüberzug gearbeitet. Er ist aus blauen Frottéstoff. Das Problem ist die Befestigung des Sitzpolsters. Während bei Therese ästhetische Überlegungen zu dominieren scheinen, interessieren mich nur funktionelle Gesichtspunkte. Was natürlich nicht als Gegensatz sondern als produktive Ergänzung zu betrachten ist; im Team sind wir stark – und bleiben im Gespräch miteinander.

Die Nacht war ruhig, jetzt bläst es aber, wie schon seit Tagen, wieder kräftig. Es ist nicht daran zu denken, ANEKI zur Pier zu schleppen und den Motor einzubauen oder sie aus dem Wasser zu nehmen. Die Windprognosen versprechen nicht viel Besserung für die nächsten paar Tage, so haben wir beschlossen, Massimo und seinem Vater den Auftrag zu erteilen, ANEKI in unserer Abwesenheit auf das Werftgelände zu stellen. Tonino soll dann dort in aller Ruhe die Maschine einbauen. Der Kranführer wollte dies zwar doch lieber im Wasser machen. Steht nämlich ANEKI hoch und trocken, sieht er nicht in den Maschinenraum, sieht nicht einmal Tonino, er müsste also seinen Kran quasi blind führen. Nun haben sie aber mit Massimo vereinbart, dass er die Verbindung aufrechterhalten wird. Das hat uns Tonino heute Morgen noch berichtet, als wir gerade zum Hallenbad aufbrechen wollten. Mit so wenig Worten können sich Italiener natürlich nicht verständigen, es braucht schon einen mindestens zehnminütigen, gegenseitigen Wortschwall mit vielen Gesten und Scheinaufregung. Vor ein paar Tagen brachten wir unsere Rettungsinsel zum Yachtchandler zur Wartung. Mitte Dezember soll der Spezialist anwesend sein, der das darf und – hoffentlich – auch kann. Wir hatten das schon so vereinbart gehabt, nun war aber das Problem, dass noch kein Kostenvoranschlag vorlag und ohne eines solchen wollte der Händler das nicht machen lassen, sonst könnten wir nachher sagen, das wäre doch viel zu teuer, wenn wir das gewusst hätten... Therese gab ihm also unsere Telefonnummer an, hier und in der Schweiz, damit er unser Okay einholen könne, sobald er wisse, was der Spaß kosten solle. Na, bis die beiden das besprochen hatten – mamma mia! Ich sagte, kein Wunder, dass sie alle so unwahrscheinlich schnell reden, wenn sie all dies im normalen Tempo erörtern wollten, würden sie wohl erst in diesen Tagen zur Gründung Roms schreiten können.

Das mit der Rettungsinsel ist auch so eine Sache. Sie ist vakuumverpackt, was einige Vorteile hat, unter anderem muss sie nur noch alle vier Jahre gewartet werden. Was die Prospekte und Händ­ler aber diskret verschweigen ist, dass es sehr wenig autorisierte Servicestationen gibt. Es gibt zwar eine lange Liste solcher Fachfirmen weltweit, die dürfen aber nur die konventionellen warten, nicht diese tollen vakuumierten. Überall versteckte Haken und Probleme! Auch das Echolot, dessen Geber gewechselt werden soll... Der Geber, den wir haben, ist nicht mehr lieferbar, sagt die Firma hier, nur einer, der direkt im Schiffsboden verschraubt wird. Das sei aber kein Problem, nur könne man das nur an Land machen. Man nimmt die Hülse raus und schraubt stattdessen den Geber rein. Ja, wenn das so einfach wäre! Unsere Hülse ist untrennbar in Kunstharz eingebettet, kann also ohne Gewalt nicht demontiert und der neue Geber auch nicht eingebaut werden – die Anfertigung einer neuen Bohrung, innen und außen mit ebenen, rechtwinkligen Dichtflächen, dürfte mehr kosten als das ganze Echolot.

Während ich da in Frust und Ärger schwelge, ist mein Täubchen mit einer Wagenladung Wäsche unterwegs, und draußen tobt ein Sturm. Ich gehe für einige Minuten raus, stelle die Instrumente an. Bis über fünfzig Knoten zeigt der Windmesser an, das ist Windstärke zehn, schwerer Sturm. Zum Heulen des Windes kommen jede Menge andere Geräusche dazu, neu sind nur die Laute vom Schwimmsteg, wie Schreie eines schwer verletzten Raubtieres. Diesmal hat der Deutsche Wetterdienst ziemlich danebengelangt, vorausgesagt waren nur mittlere Winde. Wenn das die ganze Nacht so weitergeht... na, dann gute Nacht. Zum Glück können wir morgen – wie fast immer – ausschlafen. Eigentlich bin ich doch ganz zufrieden. Ich wollte gar nicht zwischen toten unbeweglichen Mauern leben, ohne zu wissen, ob es draußen überhaupt noch ein Wetter gibt. Und am Morgen aufstehen, ehe die Sonne aufgegangen ist, unter die Dusche gehen, ohne vorher richtig nach Schweiß gestunken zu haben, mich einsprayen bis ich stinke wie eine orientalische Hure, meinen Hals mit Hemdkragen und Krawatte zuschnüren um ins Büro zu eilen... Mein Gott, ist mein Leben – mit all dem Frust und Ärger – schön!...

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Wir sind um zwölf Uhr dreißig in Cagliari ausgelaufen, nachdem unzählige Hände geschüttelt, einige Umarmungen und Küsse ausgetauscht und viele gute Wünsche gesprochen wurden.  Zuerst machte uns der von uns vor einiger Zeit entdeckte Inseleffekt zu schaffen: Man hat erst mal den Wind auf die Nase, freut sich aber, dass nach dem nächsten Kap gesegelt werden kann; aber rechtzeitig vor der Kursänderung dreht der Wind genau um den gleichen Betrag – und dies wiederholt sich nach jedem Waypoint.  Dann aßen wir eine Kleinigkeit, der Wind frischte auf, wir setzten das Groß zu zweidrittel und die Genua voll und... das habe ich aber gerade schon erzählt.

Gegen Abend begannen wir mit unseren bewährten Dreistundenwachen.  Wind und Seegang nahmen etwas ab, kamen gelegentlich auch aus einer vernünftigeren Richtung.  Wie oft wir Segel gesetzt und wieder geborgen haben, den Diesel gestartet und wieder gestoppt, könnte ich zwar aus dem Logbuch ermitteln, aber wozu?  Wir gaben uns und hatten Mühe.  Irgendwann war es aber so, dass ich sagen musste, das wäre genau das Richtige für so ein altes Paar, das Seefahrer spielen will: Windstärke drei, etwas achterlicher als Halbwind, Wellenhöhe vielleicht null komma fünf Meter – es ist schon toll, wie ANEKI daraus spielend fünf Knoten Fahrt herausholt.

Der Sternenhimmel war diesmal nicht gar so prächtig, die Luft war zu feucht, die Sicht entsprechend schlecht, wir konnten aber beide unabhängig voneinander die wenigen Sternbilder die wir kennen, identifizieren.  Einmal sah ich einen großen Fisch, Therese ein Kreuzfahrtschiff.  Sonst nur Wasser und Himmel.  Koje.  Wasser und Himmel.  Koje.  Eine Kleinigkeit essen – das heißt, am zweiten Abend kehrte mein Appetit zurück, für Therese war Seekrankheit auch kein Thema mehr, so kochte sie ihr phantastisches Linsengericht mit Lachs, vorher einen kleinen Salat.  Es fehlte nur ein schöner Wein dazu, aber alkoholische Getränke sind für uns unterwegs tabu – und, zumindest bei Saisonbeginn, bis uns wieder Seebeine gewachsen sind, auch Kaffee.  Was nämlich viele nicht wissen: Kaffee ist ein hervorragendes Brechmittel.

Drei Stunden in der Koje sind nicht gerade viel, zudem es meistens weniger sind, weil wir zum Beispiel Segel immer zu zweit setzen und bergen; wir finden das sicherer und auch effizienter.  Wir wollen auch nicht, dass länger als wenige Minuten niemand im Cockpit ist, um Ausschau zu halten, also darf zum Beispiel während der Küchenarbeit auch niemand liegen.  Drei Stunden allein in der dunklen Nacht können aber, besonders wenn man sich dies in vielen Monaten abgewöhnt hatte, unendlich lang sein, vor allem, wenn nichts für Abwechslung sorgt: Statt dem üblichen brillanten Sternenhimmel nur die hellsten durch den Dunst, weit und breit kein anderes Schiff, keine Delfine, kein Leuchtplankton, nur die unendliche Mühe, nicht einschlafen zu dürfen.  Erfahrene Langstreckensegler berichten, dass man sich nach einigen Tagen gut an diesen seltsamen Lebensrhythmus gewöhne; der Mensch ist ja sehr anpassungsfähig.  In der ersten Nacht schläft man auch dann kaum, wenn man dürfte, alles ist wieder ungewohnt, die Bewegungen, die Geräusche, vom Psychischen gar nicht zu reden.

Obwohl seit vielen hundert Jahren viele tausend Menschen unvergleichlich mehr zur See geleistet haben, sind wir dennoch ein bisschen stolz, dass wir zwei, ein ehemaliger Schreibtischtäter und eine frühere Sozialarbeiterin, in zwei Tagen und Nächten eine Hochseeyacht ganz allein von Cagliari nach Mahón gebracht haben (Und damit das klar ist: verkauft wird vorläufig nicht!).  Es gelang uns sogar ein bilderbuchmäßiges Anlegemanöver an einem der zwei mahóner Spezialitäten, schwimmende Plattforme ohne Verbindungssteg zum Land, aber mit Strom- und Wasser.  Unsere Sehnsucht nach letzterem, in seiner nichtsalzigen Variante, war dermaßen hoch, dass wir sogar vor dem Hafentrunk zuerst uns und dann auch ANEKIs Deck eine mehr als gründliche Spülung gespendet haben.  Danach gab es aber erst mal ein herrlich kühles Bier, und auch eine Flasche Roten haben wir schon aus dem „Weinkeller“ geholt.

Dass es uns in Cagliari gut gefallen hat, lag vor allem an den Menschen.  Rein landschaftlich ist es hier in Mahón aber viel schöner; obwohl wir schon mal hier waren, ist es uns erst jetzt so richtig bewusst geworden (Damit sind nur die beiden Städte gemeint, die Insel Sardinien gehört zu den schönsten).  Die paar jungen Männer, die uns hier beim Anlegen halfen, waren sehr freundlich und hilfsbereit.  Zu meinem Erstaunen konnte sich Therese mit ihnen recht gut spanisch verständigen – ich habe in einem Jahr mehr vergessen als ich je gelernt habe.

Wir liegen hier sehr eng aneinandergequetscht, mit der üblichen Folge, dass die Fender dauernd quietschen – unsere Nachtruhe konnte dieses Geräusch oder was in der Nacht auch sonst um uns herum geschehen mag, in keiner Weise beeinträchtigen.  Unsere Kontakte mit den Nachbarn beschränken sich bis jetzt zwar auf wenige freundliche Worte, man betrachtet sich aber mit gegenseitigem Wohlwollen.  Außer spanische sieht man britische, deutsche, französische, belgische Flaggen und hört die dazugehörenden Sprachen.  Mit der Stromversorgung gibt es die fast als üblich zu nennenden Probleme, mit unserem Wasserkocher ist das Netz anscheinend bereits überlastet, die Sicherung springt immer wieder raus.  Vielleicht schließt aber auch nur jemand etwas nicht ganz koscheres an.  Die Fehlerstromschutzschalter haben gerade in dieser nassen Umgebung eine sehr wichtige Sicherheitsfunktion, sprechen aber auch an, wenn etwas „komisches“ angeschlossen wird.

Eine Änderung gegenüber letztes Jahr, die wir bedauern, ist, dass hinter der Isla del Rey nicht mehr geankert werden darf; das wäre unser bevorzugter Platz gewesen, wenn wir erst mal die Süßwasserorgie hinter uns hätten – Therese wäscht und spült gerade alles, was wir auf der Überfahrt trugen, alles war salzig und klamm vom Seewasser und auch vom Schweiß.  Es wird nun abgeklärt, ob wir bis Sonntag hier bleiben können, sonst können wir an den Schwimmsteg hinter der Isla del Rey verholen.  Dort gibt es nicht nur keinen Landanschluss, sondern auch weder Süßwasser noch Strom.  Wir werden’s sehen...

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Nachdem es bis zum Nachmittag immer wieder, mal richtig, mal tröpfchenweise geregnet hat, wurde es ein zwar kühler, doch schöner, klarer Abend.  Wir beschlossen also, unser Nachtmahl auf der „Terrasse“ einzunehmen.  Während Therese lustlos in ihrem trockenen Reis mit ein paar Tomatenstückchen herumstocherte, genoss ich mein riesiges Schweinesteak und den schönen gemischten Salat, zur Stärkung meines Immunsystems mit einer Zwiebel und vier Knoblauchzehen angereichert.  Wir sind gerade rechtzeitig für die Abendvorstellung fertig geworden, räumten ab, verstauten auch den Cockpittisch und richteten uns mit ein paar Kissen in unserer Loge ein.

Gespielt wurde das Stück „Schönheit und Gewalt“ von einem unbekannten Autor als uralter Zeit.  Es begann mit fernem Wetterleuchten, weit weg hinter der Küste.  Über uns gab es nur einzelne Wolken.  Man hörte nur hie und da leises Donnergrollen.  Die Dekadenz und Frivolität des Menschen wurde durch ferne Diskomusik und den mit tausend Glühlampen beleuchteten Hotelburgen angedeutet.  Dann wurden die Lichteffekte allmählich gesteigert, man sah vereinzelt Blitze, die meistens horizontal, die von Wolke zu Wolke durchschlugen.  Während zu Beginn die Szene nur für einzelne Sekunden beleuchtet wurde, war sie nun nur sekundenlang dunkel.  Die tagsüber sanften Hügel und Berge erschienen nun in diesem scharfen, pulsierenden Gegenlicht gewaltig schroff und abweisend.  Dahinter eine faszinierend bizarre Wolkenlandschaft, wie eine Zeitlupenaufnahme von Jahrmillionen über die Entstehung der Hochgebirge unserer Erde.  Auch über dem Zuschauerraum wurden nun, fast unbemerkt, Wolken aufgefahren, zum Licht wurde auch etwas Donnern zugeschaltet, und dann wurde der Wind angestellt.  Unendliche Reihen niedriger, entstehender Wellen rasten von Land her auf uns zu.  Wir fanden es an der Zeit, unsere Zuschauerrolle etwas aktiver zu gestalten.  Therese kontrollierte, ob wirklich alle Luken und Fenster dicht verschlossen sind, während ich den Besanbaum in die Mitte schob (tagsüber ist er weit draußen, damit er die Solarpaneele nicht abschattet) und die Instrumente anstellte.  Im letzten Akt wurde prasselndes Regnen gespielt, der Wind wurde wieder runtergefahren; das langsam abklingende Wetterleuchten verfolgte ich schon aus der Koje.

Am nächsten Morgen dann azurblauer Himmel mit einigen strahlend weißen Restwölklein, rasch steigende Temperatur wie wenn wir im Mittelmeer wären...

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